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Lebenszeichen per Knopfdruck

„Are You Dead?“ - App erobert China im Sturm

Der Name klingt wie eine Provokation, fast wie ein schlechter Witz: „Are You Dead?“ Doch hinter der düsteren Frage verbirgt sich eine App, die einen wunden Punkt im modernen China trifft.

Autor: Andrea Fellmeth • 13.1.2026 • ca. 2:00 Min

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© DimaBerlin – shutterstock.com

Das Prinzip ist so simpel wie verstörend. Alle zwei Tage müssen Nutzerinnen und Nutzer auf einen großen Button tippen, um zu bestätigen, dass sie noch leben. Ein Klick genügt. Bleibt er aus, schlägt die App Alarm und benachrichtigt einen zuvor festgelegten Notfallkontakt. Keine Herzchen, keine Likes, keine Motivationssprüche. Nur eine digitale Lebensmeldung.

Platz eins der kostenpflichtigen heruntergeladenen Apps in China

Was im Mai vergangenen Jahres noch weitgehend unbemerkt startete, ist inzwischen ein Massenphänomen, wie bbc.com berichtet. Innerhalb weniger Wochen wurde „Are You Dead?“ zur meist heruntergeladenen kostenpflichtigen App des Landes. Vor allem junge Menschen in chinesischen Metropolen greifen zu – Studierende, Berufseinsteiger, Projektarbeiter, Singles. Menschen, die allein leben.

Bis zu 200 Millionen Single-Haushalte in China im Jahr 2030

Und davon gibt es immer mehr. Laut chinesischen Forschungsinstituten könnten bis 2030 rund 200 Millionen Einpersonenhaushalte entstehen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Global Times berichtet. Urbanisierung, Arbeitsmigration und gesellschaftlicher Wandel haben eine Generation hervorgebracht, die räumlich unabhängig lebt – und sozial oft isoliert ist.

Genau diese Gruppe spricht die App an. Ihre Entwicklern beschreiben sie als „Begleiter für Sicherheit“: für alleinlebende Büroangestellte, Studierende fern der Heimat oder Menschen, die sich bewusst für ein zurückgezogenes Leben entschieden haben. In sozialen Netzwerken wird sie jedoch längst breiter diskutiert – als digitales Symptom einer stillen Angst.

„Ich frage mich manchmal, wer meine Leiche abholen würde.“

„Menschen, die zeitweise alleine leben, brauchen so etwas“, schrieb ein Nutzer. „Introvertierte, Menschen mit Depressionen, Arbeitslose oder andere in prekären Situationen ebenso.“ Ein anderer Kommentar geht noch weiter: „Ich frage mich manchmal, wer meine Leiche abholen würde.“

Solche Gedanken sind auch Wilson Hou nicht fremd. Der 38-Jährige arbeitet in Peking, rund 100 Kilometer von seiner Familie entfernt. Wegen eines aktuellen Projekts schläft er meist allein in seiner Mietwohnung; seine Frau und sein Kind sieht er nur zweimal pro Woche. „Ich mache mir Sorgen, dass mir etwas zustoßen könnte und niemand es bemerkt“, sagt Hou. Er hat seine Mutter als Notfallkontakt hinterlegt. Die App habe er früh heruntergeladen – aus Angst, sie könne wegen ihres makabren Namens verboten werden.

Umbenennung wird geprüft

Der Name „Are You Dead?“ sorgt natürlich für Kontroversen. Viele Nutzer empfinden ihn als unheilvoll, manche sogar als psychisch belastend. Vorschläge für freundlichere Alternativen kursieren online: „Are you ok?“, „How are you?“ oder schlicht „Check-in“. Das Unternehmen hinter der App, Moonscape Technologies, reagierte inzwischen auf die Kritik und erklärte, eine Umbenennung werde in Erwägung gezogen.

Doch vielleicht liegt gerade in der Schonungslosigkeit der Erfolg. „Are You Dead?“ stellt eine Frage, die sonst niemand stellt – zumindest nicht regelmäßig. In einer Gesellschaft, die immer dichter, schneller und anonymer wird, erinnert die App daran, wie leicht man verschwinden kann, ohne dass es jemand bemerkt. Ein Klick alle zwei Tage. Mehr braucht es nicht, um zu sagen: Ich bin noch da.