Kosten für Microsoft-Lizenzen steigen exorbitant
Die Lizenzkosten des Bundes für Microsoft haben sich binnen zwei Jahren nahezu verdoppelt. Laut Frank Hoberg, Open-Xchange, verstärken steigende Ausgaben und geringe Investitionen in europäische Lösungen die digitale Abhängigkeit. In seinem Gastkommentar fordert er ein Umdenken hin zu mehr Souveränität.
Allein für den Bund haben sich die Kosten für Microsoft-Lizenzen innerhalb von zwei Jahren nahezu verdoppelt – auf fast eine halbe Milliarde Euro. Auch Kommunen und Behörden in Nachbarländern berichten von massiven Kostensteigerungen. In europäische Lösungen fließt dagegen nur wenig Geld. Die Milliardenzahlungen an US-Unternehmen und die unzureichende Unterstützung lokaler Lösungen verhindern letztlich, dass Deutschland und Europa digital unabhängig werden – doch genau davon hängt unsere Zukunft ab.
Trotz des immer lauterwerdenden Rufs nach Digitaler Unabhängigkeit: 2025 flossen allein für Lizenzen des Bundes 481,4 Millionen Euro in die Taschen von Microsoft. Damit sind die Kosten innerhalb von zwölf Monaten um 133,7 Millionen Euro gestiegen. Im Vergleich zu 2023 beträgt die Kostensteigerung sogar rund 75 Prozent. Noch nicht enthalten in diesen Zahlen sind Lizenzgebühren der einzelnen Bundesländer. Rechnet man deren Ausgaben sowie Lizenzen für Software-Lösungen hinzu, die nicht von Microsoft stammen, überweist Deutschland jährlich Milliarden Euro an Hersteller aus den USA und Asien.
Das Problem betrifft nicht nur Deutschland. Auch in anderen europäischen Ländern laufen die Kosten für Lizenzen aus dem Ruder. Beispielsweise stiegen die Microsoft-Ausgaben in dänischen Städten wie Kopenhagen und Aarhus innerhalb von fünf Jahren um mehr als 70 Prozent. Dabei geht der Tech-Riese sehr geschickt vor: Zum einen werden die Supportgebühren für veraltete Umgebungen schrittweise erhöht und deren End-of-Life angekündigt – und die Lösungen nicht weiterentwickelt. Das erhöht den Druck auf Cloud-Dienste umzusteigen.
Zum anderen werden die Cloud-Dienste stetig teurer, mit der Begründung, dass auch viele neue Funktionen hinzukommen. Ganz bewusst wird dabei vom US-Konzern die Karte ausgespielt, dass viele Behörden und Ämter wie auch Unternehmen teils seit Jahrzehnten Microsoft-Software nutzen und vor einem Anbieterwechsel zurückschrecken. So kann der Tech-Riese quasi nach Belieben seine Strategie durchsetzen.
Europäische Lösungen werden nicht eingesetzt, obwohl sie Digitale Unabhängigkeit bieten
Die Höhe dieser Summen wird umso bemerkenswerter, wenn man sie mit Budgets für europäische Software-Projekte vergleicht. Nachdem ursprünglich 45 Millionen Euro als Finanzspritze vorgesehen waren, musste das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) aufgrund von Haushaltskürzungen letztlich mit 19 Millionen Euro auskommen – obwohl die Bundes GmbH als Aushängeschild für Digitale Souveränität vermarktet wurde. Das ZenDiS ist unter anderem für den Open-Source-basierten Arbeitsplatz openDesk verantwortlich. Hinter der Lösung stecken einige der führenden Open-Source-Hersteller Europas. Im Gegensatz zu proprietärer Software wie etwa von Microsoft ist openDesk quelloffen und kann als europäischer Clouddienst genutzt oder im eigenen Rechenzentrum betrieben werden.
Da es sich um eine europäische Lösung handelt, können ausländische Regierungen wie die Trump-Administration zudem keinen Druck auf die Hersteller ausüben. Dies ist keinesfalls ein theoretisches Szenario. Auf Druck der US-Regierung wurde beispielsweise im letzten Frühjahr das Microsoft-Konto des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs in den Haag gesperrt. Vor wenigen Jahren wäre dies noch ein Skandal gewesen, der riesige Schlagzeilen gemacht hätte. Mittlerweile muss ein Problem schon die Größe Grönlands haben, bevor es eine Reaktion aus Europa gibt.
US-Konzerne versprechen Souveränität – die sie per Gesetz nicht bieten können
Dass die USA amerikanische Unternehmen dazu zwingen kann, selbst kritische Informationen und Daten preiszugeben, ist keine Besonderheit der Trump-Regierung. Datenschutz – zumal von europäischen Nutzern – war noch nie die Stärke von Software-Anbietern aus den USA. Das liegt auch am US Cloud Act, der US-Behörden bereits seit vielen Jahren Zugriff auf Daten von US-Firmen wie Microsoft oder AWS erlaubt, selbst wenn die Daten bei Tochterunternehmen in Europa gespeichert werden.
Trotz der ungleichen Verteilung des Geldes macht man sich bei den US-Konzernen offenbar Sorgen darüber, wie es in Europa weitergehen soll. Einen großen Anteil daran dürfte der europäische Vertrauensverlust in die USA, speziell aber in die Trump-Administration haben. Mit scheinbar souveränen Lösungen, die in Europa stationiert sind, will man Kunden locken beziehungsweise binden. So nahm etwa Amazon im Januar die AWS European Sovereign Cloud in Betrieb. Vermarktet wird diese als eine Cloud, die vollständig innerhalb der EU angesiedelt sei. So sollen europäische Behörden und Unternehmen, die Wert auf Datenschutz und digitale Souveränität legen, als Kunden gewonnen werden. Die Cloud sei so konzipiert, dass sie selbst bei einer Trennung vom globalen AWS-Netzwerk weiterbetrieben werden könne, verspricht Amazon.
Ohne es auszusprechen, gesteht AWS damit selbst ein, dass die US-Regierung eine Abschaltung in Europa als Druckmittel einsetzen könnte. Offenbar stuft man dieses Schreckensszenario bei AWS als durchaus realistisch ein, sonst würde man nicht damit werben.Unrealistisch ist jedoch, dass Donald Trump sich mit der Argumentation zufriedengeben würde, dass es sich um eine europäische Lösung handele. Wie Microsoft im Fall des internationalen Gerichtshofs dürfte Jeff Bezos im Ernstfall schneller einknicken, als es den Europäern lieb sein kann.
Schleswig-Holstein hat gezeigt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg
Wer es ernst meint mit der Digitalen Unabhängigkeit, muss auf offene europäische Lösungen setzen. Das gilt für die Bundesregierung und die einzelnen Länder ebenso wie für private Unternehmen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Umstieg möglich – wie man in Schleswig-Holstein sehen kann. Dort wurde die Umstellung auf Open Source auch von der Opposition befürwortet. Bei den Details, wie der Umstieg erfolgen sollte, mag es teils unterschiedliche Meinungen gegeben haben, doch allen war stets bewusst, dass sich die Digitale Unabhängigkeit nur mit europäischen Open-Source-Lösungen erreichen lässt. Dank dieses Pioniergeistes und des festen politischen Willens, es auch kompromisslos umzusetzen, ist man nun allen anderen Bundesländern weit voraus. Mut zahlt sich eben aus. Dank Schleswig-Holstein gibt es nun ein Beispiel, an dem sich alle anderen orientieren können und aus dem man lernen kann. Die möglichen Ausreden werden weniger.
Eines ist jedenfalls sicher: Von alleine wird sich am Status quo nichts ändern. Solange es am ernsthaften Willen fehlt und solange Milliarden an deutschen Steuergeldern an Microsoft & Co. bezahlt werden, anstatt europäischen Open-Source-Lösungen eine faire Chance zu geben, wird die Abhängigkeit von den USA bestehen bleiben.