KI-Fabrik München: Telekom startet Industrial AI Cloud
Die Deutsche Telekom hat am 4. Februar in München ihre „Industrial AI Cloud“ offiziell in Betrieb genommen. Sie stelle damit nach eigenen Angaben eine der größten KI-Fabriken Europas bereit. Die Plattform soll Industrie, Forschung und öffentlichem Sektor souveräne, hochskalierbare KI-Rechenleistung bieten und bildet die Basis für den sogenannten „Deutschland Stack“ sowie für europäische KI-Großprojekte wie „SOOFI“.
Die Deutsche Telekom hat am 4. Februar 2026 ihre Industrial AI Cloud offiziell in Betrieb genommen. Nach Darstellung des Unternehmens handelt es sich dabei um „Deutschlands erste KI-Fabrik für die Industrie“ und zugleich um eine der größten KI-Infrastrukturen Europas. Der Standort im Münchner Tucherpark soll sich zu einem zentralen KI-Hub für Deutschland entwickeln.
Die KI-Fabrik wurde in den vergangenen sechs Monaten gemeinsam mit Nvidia sowie dem Rechenzentrums-Partner Polarise aufgebaut. Die Telekom gibt an, Unternehmen, Forschungseinrichtungen und dem öffentlichen Sektor damit „hoch performante, souveräne Rechenleistung für Künstliche Intelligenz (KI)“ zur Verfügung zu stellen. Mehrere Kunden nutzten die Plattform bereits produktiv; die vorhandenen Kapazitäten seien „mit den bisherigen Kunden bereits über ein Drittel ausgelastet“. Genannt werden unter anderem Agile Robots (KI/Robotik) und PhysicsX (technische Simulation zur Verkürzung von Entwicklungszeiten).
Strategische Bedeutung für Standort und Souveränität
Aus Sicht des Konzerns adressiert die Industrial AI Cloud zentrale Hemmnisse bei der KI-Adoption in Europa. Viele Unternehmen nutzten KI bislang zurückhaltend, da sie einen Abfluss sensibler Daten außerhalb des europäischen Wirtschaftsraums befürchteten. Dies wirke sich nach Einschätzung der Telekom negativ auf Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit aus.
Telekom-CEO Tim Höttges ordnete das Projekt auf der Eröffnungspressekonferenz entsprechend strategisch ein und erklärte wörtlich: „Wir reden nicht, die Telekom macht.“ Weiter sagte er: „Wir investieren in KI, in den deutschen Standort und in Europa. Unsere KI-Fabrik in München ist die Basis für innovative Geschäftsmodelle, für die Industrie, Start-ups und den Staat – und für Souveränität. Wir beweisen hier, dass Europa KI kann.“
Auch aus politischer Sicht wird das Projekt als Signal für Investitionen und Technologieführerschaft bewertet. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sagte: „Damit die Investitionsoffensive gelingt, brauchen wir beides – öffentliche und private Investitionen.“ Er ergänzte: „Technologieführerschaft muss der Kern des künftigen Geschäftsmodell Deutschlands sein. Hier wurde ein wichtiger Pflock für das deutsche und europäische KI-Ökosystem gesetzt.“
Technische Basis: Blackwell-GPUs und ExaFLOPS-Leistung
Die Industrial AI Cloud stellt nach Angaben der Telekom umfangreiche Rechen- und Speicherressourcen für KI-Anwendungen bereit. Die Infrastruktur basiere „auf rund 10.000 Nvidia Blackwell GPUs, darunter Nvidia DGX B200 Systeme und Nvidia RTX PRO Server GPUs“. Die maximale Rechenleistung werde mit „bis zu 0,5 ExaFLOPS“ angegeben. Zur Einordnung der Dimension: Damit könnten laut Telekom alle 450 Millionen EU Bürger*innen gleichzeitig einen KI-Assistent beziehungsweise Chatbot nutzen. Die Plattform sei darauf ausgelegt, sowohl experimentelle KI-Workloads als auch produktive, unternehmenskritische Anwendungen abzubilden.
Betrieb in Deutschland und Compliance-Fokus
Ein zentrales Merkmal ist der souveräne Betrieb. Die Telekom betont, dass die KI-Fabrik „unter strengen Anforderungen an Datenschutz, Sicherheit und Verfügbarkeit auf deutschem Boden“ betrieben werde. Damit richte sich das Angebot gezielt an regulierte Branchen sowie an öffentliche Auftraggeber, die hohe Anforderungen an Datenresidenz und Compliance stellen.
Grundlage für den „Deutschland Stack“
Die Industrial AI Cloud dient zugleich als technisches Fundament für den sogenannten „Deutschland Stack“, den die Telekom gemeinsam mit SAP bereitstellt. Konkret verantwortet die Telekom-Tochter T-Systems die Infrastruktur- und Plattformebene einschließlich der T Cloud, während SAP darauf aufbauend die Business Technology Platform sowie Fach- und KI-Anwendungen bereitstellt.
Der Ansatz wird als modularer „Tech-Baukasten“ beschrieben, der alle notwendigen Ebenen von der physischen Infrastruktur bis zur Anwendungssoftware abdeckt. Ziel sei es, branchenspezifische Lösungen etwa für öffentliche Einrichtungen, innere Sicherheit, Industrie und Mittelstand „schnell, sicher und regelkonform“ umzusetzen. Thomas Saueressig, Mitglied des Vorstands der SAP SE, sagte dazu: „Mit der Industrial AI Cloud schaffen Telekom, SAP und weitere Partner ein souveränes Technologiefundament für skalierbare industrielle KI in Deutschland.“
Siemens: Simulation und digitale Zwillinge aus der Cloud
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Partnerschaft mit Siemens. Die Kooperation soll laut Telekom „Ingenieurswesen mit sicherer, souveräner IT, Konnektivität und KI-Rechenleistung“ verbinden. Siemens bringt seine Industrieexpertise sowie das Simulationsportfolio „SIMCENTER“ in die Industrial AI Cloud ein.
Damit sollen unter anderem hochpräzise Simulationen, digitale Zwillinge, GPU-basierte Simulationen und KI-Copiloten bereitgestellt werden. Ziel sei es, Entwicklungszeiten zu verkürzen und Kosten zu senken. Cedrik Neike, CEO Digital Industries bei Siemens, betonte: „Das ist kein Zukunftsversprechen.“ Und weiter: „In München, in einer der größten KI-Fabriken Europas, ist es bereits Realität.“
Nachhaltigkeit und Energieeffizienz
Die KI-Fabrik entstand im Rahmen der Revitalisierung eines bestehenden Rechenzentrums im Münchner Tucherpark mit einer Fläche von rund 10.700 Quadratmetern. Das Rechenzentrum werde „vollständig aus erneuerbaren Energien betrieben“ und sei auf „höchste Energieeffizienz“ ausgelegt. Die Abwärme solle künftig das gesamte Quartier mit Wärme versorgen; die Kühlung erfolge unter anderem über Wasser aus dem nahegelegenen Eisbach.
Ökosystem für Industrie, Start-ups und Forschung
Rund um die Industrial AI Cloud soll ein breites Ökosystem aus Industrieunternehmen, Start-ups und Forschungseinrichtungen entstehen. Industriepartner könnten digitale Zwillinge von Fabriken aufbauen, Fertigungsprozesse simulieren oder KI-basierte Robotik- und Qualitätsprüfanwendungen entwickeln. Start-ups nutzten die Nvidia-KI-Plattform, um neue Dienste schneller zur Marktreife zu bringen. Forschungseinrichtungen erhielten Zugang zu souveräner Hochleistungsrechenleistung.
Die Nutzung der Plattform ist laut Telekom flexibel ausgestaltet: Rechenleistung und Plattformdienste könnten „von Pilotprojekten bis hin zu unternehmenskritischen Produktionssystemen“ bedarfsgerecht gebucht werden.
SOOFI: Europäisches Open-Source-Sprachmodell
Zu den ersten Großprojekten zählt das Forschungsprojekt SOOFI („Sovereign Open Source Foundation Models“). Die Leibniz Universität Hannover habe der Telekom den Auftrag erteilt, die technische Infrastruktur für die Entwicklung eines neuen europäischen Large Language Models bereitzustellen.
Ziel sei ein „souveränes Open-Source-Sprachmodell mit rund 100 Milliarden Parametern“, das vollständig in Europa trainiert und betrieben werde. Der Fokus liege auf europäischen Sprachen und industriellen Anwendungen. Jörg Bienert, Geschäftsführer des KI Bundesverbands, erklärte dazu: „Das Training erfolgt auf der Industrial AI Cloud der Telekom, die sich in einer internationalen Ausschreibung aufgrund der State-of-the Art Infrastruktur und des hervorragenden Services durchgesetzt hat.“
Einordnung
Mit der Industrial AI Cloud positioniert sich die Deutsche Telekom als Infrastrukturpartner für industrielle KI in Deutschland und Europa. Das Angebot verbindet skalierbare GPU-Rechenleistung mit einem souveränen Betriebsmodell und einem Partnerökosystem aus Software-, Industrie- und Forschungspartnern. Für Unternehmen und öffentliche Institutionen soll damit ein kontrollierter, regelkonformer Einstieg in produktive KI-Anwendungen ermöglicht werden.