Jabra Evolve3 75 und 85 im Praxistest
Die Headsets des Spezialisten Jabra sollen gut aussehen, technisch Spitze sein und ihre Besitzer optimal unterstützen. Ob das auch für die neuen Top-Modelle Evolve3 75 und Evolve3 85 gilt, prüft connect-professional in umfangreichen Labor- und Praxistests.
Vor rund fünf Jahren präsentierte der auf Audio- und Video-Kommunikation spezialisierte dänische Hersteller Jabra mit seiner Evolve2-Serie ausgewiesene Oberklasse-Headsets, die im connect professional-Test sehr gut abschnitten und auch nach heutigen Maßstäben noch zu den Top-Performern gehören. Doch die Technik hat sich weiterentwickelt und so bringt Jabra nun Nachfolger unter der Bezeichnung Evolve3 heraus.
Preise, Varianten und Kaufoptionen
Dabei handelt es sich beim Evolve3 75 um ein On-Ear-Headset, während das Evolve3 85 der Over-Ear-Kategorie angehört. Beide kommunizieren über Bluetooth. Eine gleichzeitige sogenannte Multipoint-Verbindung zu Smartphone und Computer beherrschen die Evolve3-Modelle natürlich. Für PCs ohne Bluetooth gehört ein Bluetooth-Adapter zum Standard-Zubehör, wobei der Kunde die Wahl zwischen USB-A und USB-C hat.
Der hochklassige Maßstab spiegelt sich in den Preisen wider: 543 Euro ruft Jabra im eigenen Online-Shop für sein On-Ear-Modell auf, die Over-Ear-Variante kostet dort sogar 750 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Diese Preise schließen eine Wireless-Ladestation ein. Wer auf diese verzichten kann – die Headsets lassen sich natürlich auch per USB-C laden – spart schon einmal rund 60 Euro.
Ein Tipp: Bei etablierten Online-Händlern ließen sich zum Testzeitpunkt noch einmal um die über ein Drittel einsparen, was die beiden Headsets gleich in deutlich attraktivere Preisregionen rückt.
Modern Working
Unabhängig davon, welches Preisschild die neuen Jabra-Evolve3-Modelle tragen, der erste Eindruck fasziniert. Denn noch bevor sie ausgepackt sind, stellen ihre mit unter 40 Millimetern beeindruckend flachen und dennoch solide ausgeführten Transport-Cases den beiden Business-Headsets höchste Reisetauglichkeit aus. Wer zerknitterte Unterlagen und Beulen in der Reisetasche ablehnt, wird hier glücklich.
Das gilt umso mehr, als unter dem flachen Design der Tragekomfort nicht leidet. Sowohl das Evolve3 75 als auch das Evolve3 85 sitzen den Erwartungen entsprechend fest auf dem Kopf, ohne dabei unangenehmen Druck auszuüben. Dazu tragen auch die ergonomischen Ohr- und Bügelpolster bei, die das Gewicht der Hörer sehr gleichmäßig über einen breiten Auflagebereich verteilen. Für langes, ermüdungsfreies Arbeiten sind so optimale Voraussetzungen geschaffen. Wobei es beim Gewicht gar nicht so viel zu verteilen gibt, die Evolve3 75 und 85 sind mit 176 und 212 Gramm 12 respektive 26 Prozent leichter als ihre Vorgänger, oder anders ausgedrückt ausgesprochen leicht längere Zeit zu tragen.
Apropos längere Zeit: Jabra verspricht mit ANC und angeschaltetem Busylight bis zu 18 Stunden Gesprächszeit beim Evolve3 75, beim Evolve 85 sollen es sogar 21 Stunden sein. Beim Musikhören mit ANC, die bei beiden Modellen selbstverständlich auch verfügbar ist, sollen es 45 respektive 55 Stunden sein. Ohne ANC ist eine weitere deutliche Steigerung drin.
Vergisst der Besitzer angesichts dieser Ausdauer-Qualitäten das Nachladen einmal, darf er bei den Jabra-Headsets auf Unterstützung setzen: Sie sind mit entsprechenden Netzadaptern schnellladefähig. Wir konnten sie mit einem gängigen Power-Delivery-Adapter (PD) über Kabel innerhalb von 5 Minuten von einem auf 28 Prozent laden. Nach weiteren 5 Minuten war der Akku halb voll, was nach unseren Erfahrungen für mehr als weitere 24 Stunden Musikhören mit ANC reicht. Als wäre das nicht genug, sind die Akkus der Headsets austauschbar, mit der von Jabra bereitgestellten Anleitung sogar durch den Kunden selbst. Auch das ist Profi-Qualität.
Quelle: connect professional
Fit and Finish – praktisch und gut
Die Verarbeitungsqualität von Evolve3 75 und 85 braucht sich trotz geringem Gewicht nicht zu verstecken. Die Klappbügel, oft eine Schwachstelle bei Headsets, machen hier in Metallausführung einen außerordentlich robusten Eindruck. Die Bügellängenverstellung lässt sich leichtgängig und ruckfrei anpassen. Das Gewebe um die Polster macht einen sehr strapazierfähigen Eindruck, auf der Haut ist das Tragegefühl dennoch angenehm.
Im täglichen Gebrauch gefällt besonders, dass Jabra bei beiden Modellen statt auf hippe Touch-Bedienung auf echte mechanische Tasten und Schalter setzt. Die sind zudem noch mit guter räumlicher Trennung um die Ohrmuscheln angeordnet, so dass die Bedienung von Lautstärke und Co. sehr schnell auch ohne Bedienungsanleitung, Absetzen der Hörer oder App gelingt.
Nur das Fehlen eines Mikrofon-Bügels verwirrt erfahrene Tester bei diesen ausgewiesenen Business-Headsets. Schließlich sollen Telefongespräche und Video-Konferenzen ja auch am belebten Flughafen oder im vollbesetzten Zug, also bei erhöhtem Umgebungslärm, gelingen. Und hier gelten Bügel, die das Mikro nah vor den Mund des Sprechers bringen, als Non-Plus-Ultra, um auch beim Anruf aus lauter Umgebung vom Gegenüber verstanden zu werden. Beim Evolve3 75 und 85 setzt Jabra nun auf sechs Mikrofone, aus denen AI die Sprache des Nutzers aus den Störgeräuschen filtert, um so den Fokus auf das gesprochene Wort des Trägers zu lenken.
1– 2–3 Test
Gelingt das? Ja und nein! In der Sprachqualität beim über die Jabras Angerufenen hinken die neuen Jabras ihren direkten, noch mit Bügelmikrofonen ausgestatteten Vorgängern aus der Evolve2-Serie hinterher. Das macht sich eher bei den Messungen mit impulsartigen Störungen eines Cafés bemerkbar, als beim gleichmäßigen Rauschen stark befahrener Straßen.
Doch im Vergleich zu vielen anderen bügelmikrofonlosen Headsets zeigen die Jabras durchaus, das mit AI und großzügigem Mikrofoneinsatz auch in kritischen Situationen ein Zugewinn an Sprachqualität zu erzielen ist. Ruhe in der Umgebung sorgt dann für ordentliche Verständlichkeit beim Gegenüber. Als besonderes Feature bieten die Headsets noch eine regulierbare Sidetone-Funktion. Diese ermöglicht es auch bei aufgesetztem Headset, seine Stimme zu hören. Das erleichtert Artikulation und Betonung und stärkt die eigene Kommunikationsfähigkeit.
Als Angerufener wird man von den Evolve3-Headsets gut bedient, die Sprachverständlichkeit und Qualität liegen auf hohem Niveau. Beim Telefonieren oder Video-Talk darf, wie bei Musik auch, ANC zugeschaltet werden. Dabei werden die störenden Umgebungsgeräusche bei beiden Hörern um gute 16 dB reduziert. Das sorgt für deutlich spürbare Entlastung lärmgeplagter Nutzer und ist insbesondere für die On-Ear-Version des Evolve3, bei der ANC schwerer zu realisieren ist, ein ausgezeichnetes Resultat. Den per App einstellbaren Transparenz-Modus, der auch bei aufgesetztem Headset eine Unterhaltung mit physisch anwesenden Personen ermöglicht, beherrscht der 75er noch etwas besser als der 85.
Das deckt sich auch mit den mess- und hörtechnischen Eindrücken der beiden Modelle. Der Evolve3 75 ist deutlich anders abgestimmt als der 85. Während der 85 zu einem leicht verhangenen, weichen Klangbild neigt, tritt der 75 sehr lebendig auf: Die Mitten sind unverfärbt, die Höhen minimal spritzig. Das kann bei leisem Hören zusätzliche Lebendigkeit bringen, bei lautem und langem Hören je nach Musikrichtung minimal zischeliger und härter klingen, so dass sich ein etwas ermüdendes Gefühl einstellt. Der Klang mit und ohne ANC ist leicht unterschiedlich, aber in beiden Fällen ausgewogen. Wo der Evolve3 75 Musik sehr neutral wiedergibt und auch dem Timbre der Stimme eines Gesprächspartners in hohem Maße gerecht wird, gibt der Evolve3 85 der Musik einen überdurchschnittlich kräftigen Bass und entschärft das Gehörte im Präsenzbereich. Das wirkt mitunter angenehmer als das Original, nimmt dem Klang aber auch ein wenig Lebendigkeit.
Optimieren per App
Wer sein Wunschklangbild in dieser Beschreibung nicht wiederfindet, sei auf die (Android-)App zum Headset hingewiesen, die mit sechs unterschiedlichen Klang-Presets für Musik und drei Einstellungen für Sprache eine individuelle Abstimmung auf den eigenen Geschmack zulässt. Noch individueller greift der ebenfalls verfügbare 5-Band-Equalizer ins Klangbild ein, einmal gefundene Einstellungen dürfen in zusätzlichen Presets gespeichert werden.
Wer die teilweise bis zur Unbedienbarkeit verspielte Auslegung der Apps anderer Headsets kennt, wird bei der Jabra-App überrascht sein, wie viele Features sich in einem übersichtlichen User-Interface unterbringen lassen.
Strictly for Professionals
Auch für das professionelle Umfeld hat Jabra seinen neuen Evolve-Modellen wichtige Features mit auf den Weg geben, etwa die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für sichere Konversation. Hinzu kommt, dass Jabra die Headsets ohne Aufpreis entweder in einer für Microsoft Teams optimierten Version ausliefert oder in einer für wichtige Kommunikationsplattformen zertifizierten Unified-Communication-Variante (UC). Für Firmen, die gleich ganze Mitarbeiter-Gruppen mit Headsets ausstatten wollen, ist es vorteilhaft, dass Jabra auch eine Plus-Software für das Remote Management zu den Headsets anbietet.
Fazit
Die auch im Transport-Case flache und kleine Bauweise, das geringe Gewicht und die robuste Bauweise bei überzeugender Ausdauer und soliden Leistungsdaten überzeugen: Die Modelle 75 und 85 sind überaus starke Headsets für Kommunikationsprofis Das bestätigen auch eine gelungene App und echte Profi-Features wie UC-Zertifizierung und Sidetone-Einstellung. Müssten wir eine Wahl treffen, fiele sie wegen des besseren Klangs und nicht zuletzt des geringeren Preises auf das Evolve3 75. Doch das sollte Menschen, die eher auf Over-Ear-Kopfhörer stehen, nicht davon abhalten, sich einmal genauer mit dem Jabra Evolve3 85 zu beschäftigen.