Graue Ware überschwemmt den CE-Markt
Alarmstufe Rot im CE-Markt. Die Wettbewerbsverzerrung und Benachteiligung von seriösen CE-Fachhändlern durch graue Ware hat dramatische Dimensionen erreicht.
Der Hersteller Sony, der unlängst eine einstweilige Verfügung gegen zwei unseriös agierende Etailer erwirkt hat, ist kein Einzelfall. Der gesamte CE-Markt wird quer durch alle Produktkategorien derzeit von grauer Ware überschwemmt. Obwohl die Hersteller zu immer drastischeren Mitteln greifen, um den Grauimporteuren das Handwerk zu legen, hat der Graumarkt im Laufe der letzten Jahre beständig zugenommen. Dies bestätigt auch, dexxIT-Vertriebsleiter Hans-Jürgen Schneider gegenüber digital living: »Wir beobachten seit Jahren eine stetige Steigerung der Graumarktimporte. Dies führt zu einer totalen Wettbewerbsverzerrung und Benachteiligung von seriösen Händlern. Dass Hersteller wie Sony nun dagegen vorgehen, begrüßen wir sehr.«
Die betroffenen Etailer hatten ein Sony Produkt entweder ohne Hinweis auf die fehlende deutsche Bedienungsanleitung oder ohne die zwingende Registrierung bei der Stiftung Elektro-Altgeräte-Register bzw. unter Verkürzung der von Sony gewährten Herstellergarantie in ihren Online-Shops angeboten und die Produkte damit entgegen den in Deutschland geltenden maßgeblichen Bestimmungen vertrieben.
Auch EP-Europa-Einkaufschef Karl Trautmann bestätigt gegenüber digital living, dass unseriöse Internethändler schon seit längerer Zeit Reimporte anbieten würden, »bei denen wir nicht sicher sind , ob alle gesetzlichen Abgaben sowie Patent- und Lizenzgebühren korrekt entrichtet sind. Diese Feststellung geht über alle Produktgruppen im CE Bereich«, so Trautmann.
Hersteller schaffen sich den Graumarkt zum Teil selbst
»Grauimporte im Segment der Consumer Electronic sind seit Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten, ein Dauerthema«, meint auch Christoph Dassau, Director Consumer Electronic Group bei Ingram Micro. Gegenmaßnahmen der Industrie reichten von unterschiedlichen Garantien in einzelnen Ländern bis zu einsprachigen Handbüchern. Am wirkungsvollsten sei ein europaweit einheitliches Preisniveau, jedoch hätten bei Weitem nicht alle marktrelevanten Hersteller die nötige Struktur, um eine Preisharmonisierung nachhaltig umzusetzen. »Hersteller schaffen sich den Graumarkt außerdem immer dann selbst, wenn am Monats- oder Quartalsende große Sonderposten zu Sonderpreisen verkauft werden: Das führt zu Lagerdruck in den Handelsstufen ohne Endkundennachfrage«, so Dassau.
Gravierende Auswirkungen hätten zudem Wechselkursschwankungen: Nie zuvor sei beispielsweise Shoppen in England so günstig gewesen wie jetzt – bedingt durch das aktuell schwache englische Pfund. Dies mache sich seit Monaten besonders im Musik- und im Games-Segment bemerkbar.
Sony Deutschland Chef Jeffry van Ede kündigt an, in Zukunft mit gnadenloser Härte gegen unlautere Handelspraktiken auf dem CE-Markt vorzugehen: »Um unsere zuverlässigen Handelspartner zu schützen, die durch den aggressiven widerrechtlichen Warenfluss stark beeinträchtigt werden und um unsere Konsumenten vor bösen Überraschungen beim Produktkauf zu bewahren, wird Sony Deutschland nun kompromisslos und mit der gebotenen Härte vorgehen. Internethändler, die auch künftig in unzulässiger Weise Sony Produkte anbieten, werden nun zu spüren bekommen, was ich unter konsequentem Handeln verstehe«, so van Ede.
Eine Zunahme von Grauimporten beobachten Hersteller, Händler und Distributoren in allen wichtigen Produktkategorien der digitalen Unterhaltungselektronik. Besonders hart betroffen seien laut dexxIT-Vertriebschef Schneider die Produktbereiche digitale Sucherkameras, SLR-Kameras, Objektive, Camcorder, TV-Geräte und Flash Speicher. Der CE-Distributor dexxIT setzt auf zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen, um sein Angebot gegen Grauimporte abzusichern. Dies betreffe den Einkauf ebenso wie die Anlieferung und die Zusammenarbeit mit den Herstellern: »Wir befassen uns schon seit Jahren mit der Absicherung gegen Grauimporte – nicht erst seit Hersteller massiv dagegen vorgehen.
Schon frühzeitig hat dexxIT umfangreiche Rechtsberatung eingeholt, um einen rechtskonformen Warenfluss zu garantieren. Dies alles tun wir aus der Überzeugung, dass ehrliche Händler nicht benachteiligt werden dürfen, sondern vor betrügerischen Geschäftemachern geschützt werden müssen«, betont Schneider gegenüber digital living.
Um sich beim Wareneinkauf vor Grauimporten zu schützen, verpflichtet der Würzburger Spezialdistributor jeden Lieferanten schriftlich dazu, nur für die EU zugelassene Ware zu liefern. Außerdem wird bei allen Lieferanten genau geprüft, ob sie alle EU-Bestimmungen einhalten – neben EU-Ware betrifft das auch WEEE-Kennzeichnung, Urheberrechtsabgabe, GEMA, Verpackungsverordnung und Datenschutz.
Urheberabgaben auf digitale Speichermedien verunsichern den Channel
Mit den Urheberabgaben auf alle digitalen Medien, wie Festplatten, Speicherkarten und USB-Sticks, droht dem Handel zudem eine weitere Verschärfung des Graumarktproblems. In Deutschland sollen rückwirkend zum ersten Januar 2008 Gebühren auf digitale Speichermedien erhoben werden. Über die Höhe der Abgabe für die jeweiligen Produktkategorien streiten sich derzeit noch die jeweiligen Interessensverbände der Hersteller und der Urheber. Für den Schutz des Urheberrechts im Musikbereich engagiert sich die GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs-und mechanische Vervielfältigungsrechte).
Die ZPÜ (Zentralstelle für private Überspielungsrechte) fungiert dabei als die Inkassogesellschaft der GEMA. Industrie-Verbänden wie der Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien) und der ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie) vertreten dagegen die Interessen der Hersteller.
Bernd Breinbauer, Regional Sales Director für Zentraleuropa bei Seagate , hält die von der ZPÜ geforderten rückwirkenden Urheberabgaben auf Speichermedien für völlig unrealtistisch: Der Ansatz sei schon vom Prinzip her falsch, da eine Festplatte ohne Zusatzgerät kein Speichermedium darstelle. Für Zusatzgeräte, sei es ein PC, MP3-Player, oder DVR erhebe die GEMA bereits Gebühren. Durch die Kaskadierung der Gebührenordnung auf verschiedene Komponenten eines PCs wie optische Laufwerke, Festplatten oder auch USB-Sticks, verschaffe sich die GEMA gleich mehrfachen Zugriff auf den Geldbeutel der Anwender.
Im Endeffekt bezahle der Endkunde die Rechnung, da in Deutschland verkaufte Produkte, durch die Urheberabgaben unverhältnismäßig verteuert würden. Die drohende Verteuerung von Speichermedien habe katastrophale Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland: »Der Kunde wird einfach außerhalb Deutschlands per Mausklick einkaufen. Die offenen Grenzen innerhalb Europas sind schließlich kein Hindernis beim Import«, so Breinbauer.
Einigung auf Urheberabgabe steht unmittelbar bevor
Michael Thedens, Sales Manager DACH bei Transcend, vertritt Transcend im Arbeitkreis der Urheberrechtsabgaben im Bitkom und weiß um die Gefahr für den Fachhandel: »Werden Geräte am vom Hersteller formulierten Vertriebsweg vorbei und ohne Abgaben wie Zölle und Steuern erworben, spricht Transcend nicht mehr von einem Graumarkt, sondern bereits von einem Schwarzmarkt. Fachhändler, die Geräte kaufen, für die keine Abgaben wie Zölle und Steuern gezahlt wurden, laufen Gefahr, dass sie als „in den Markt bringender Reseller“ schließlich auf den Kosten sitzen bleiben und diese stellvertretend für den Hersteller zahlen müssen; vor allem, wenn der Hersteller/OEM-Lieferant seinen Sitz außerhalb Deutschlands hat.«
In Hinblick auf die Verhandlungen über die Urheberabgabe auf die Produktkategorie Speicherkarten , an denen Thedens unmittelbar beteiligt ist, meint der Transcend-Manager, dass eine Einigung unmittelbar bevorstehe: »Wir befinden uns auf einem guten Weg in den Verhandlungen und sind optimistisch, bereits in den nächsten Wochen zu einem Ergebnis zu kommen. Über die genaue Höhe der Abgaben kann man jedoch zu diesem Zeitpunkt noch keine konkrete Aussage machen.«
Die drohenden Urheberabgaben auf digitale Speichermeiden führen derzeit zu einer erheblichen Verunsicherung des Handels. Händler, Hersteller und Importeure müssen ihre Buchhaltung auf die neue Gesetzlage einstellen und Rücklagen bilden. Auf dem CRN-Assemblierer Summit erhalten Reseller eine kostenlose Rechtsberatung zu diesem brisanten Thema:
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