Zalando-Aus in Erfurt
Landespolitik, Gewerkschaften und Mitarbeiter wurden kalt erwischt: Der Online-Modehändler schließt den Standort in Thüringens Hauptstadt. Wackelt der Aufschwung Ost?
Die geschmeidige Info für die Presse lautet: „Zalando gestaltet sein europaweites Logistiknetzwerk aktiv neu, um seine Position im europäischen Mode- und Lifestyle-Markt weiter zu stärken." Die bittere Nachricht für die 2.700 Mitarbeiter am Standort Erfurt lautet: Sie werden in einem Dreivierteljahr ihren Job verlieren.
Nach der Übernahme des Konkurrenten About You im letzten Jahr fokussiere sich der Online-Modehändler jetzt „auf den Aufbau einer integrierten und skalierbaren Logistikinfrastruktur". Zu diesem Aufbau gehört nun auch die Schließung des Logistikzentrums in Thüringens Landeshauptstadt Ende September.
„Dass wir hier vor vollendete Tatsachen gestellt worden sind, ist absolut unüblich und ganz sicher kein guter Stil", sagt Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John. Es ist ein weiterer harter Schlag in einer Reihe von wirtschaftlichen Rückschlägen für den Osten Deutschlands: Das Aus für die geplante milliardenschwere Intel-Chipfabrik in Magdeburg, das Aus bei Dow Chemical im mitteldeutschen Chemiedreieck, der Niedergang der Solarindustrie im „Solar Valley", die Schließung der einst als Vorzeigefabrik gebauten gläsernen VW-Manufaktur in Dresden.
22 Millionen Euro Fördergeld für Zalando in Erfurt
Zahlreiche der wirtschaftlichen Leuchttürme, die gerade angeschlagen sind, waren einst mit Fördermillionen in den Osten geholt worden. Im Fall von Zalando waren es 22 Millionen Euro. Seine vertragliche Schuldigkeit hat das Unternehmen getan, die Zweckbindung der Gelder ist ausgelaufen, heißt es aus dem Thüringer Wirtschaftsministerium. Doch die Beschäftigten dürften das anders sehen.
Hohe Energiepreise, schwache globale Nachfrage, Konkurrenz aus dem Ausland: Die kriselnde deutsche Wirtschaft ist kein Ost-Phänomen, doch angesichts schwacher Wirtschaftsprognosen und einem Höchststand bei den Firmenpleiten dürfte insbesondere vom Osten auch wirtschaftspolitischer Druck auf den Bund ausgehen: In Sachsen-Anhalt macht sich die AfD berechtigte Hoffnungen, nach der Wahl im September die erste Landesregierung zu stellen. Sie buhlt um Stimmen der Enttäuschten und Verärgerten.
Wackelt der Aufschwung Ost?
Die Rückschläge der vergangenen Monate an ostdeutschen Wirtschaftsstandorten haben jeweils unterschiedliche Gründe: In der Chemie-Industrie in Leuna sind es hohe Energiepreise. Chip-Hersteller Intel kämpft weltweit mit Problemen. Die Solarindustrie hat große Konkurrenz aus China. Automobilzulieferer etwa im Harz und in Thüringen spüren die Schwierigkeiten der großen Autoindustrie bei der Umstellung von Verbrennern auf Elektroantriebe. Probleme allerdings, die es so auch im Westen gibt.
Zugleich gab es auch erfreuliche Nachrichten für die ostdeutsche Wirtschaft: In der Chip-Industrie in Dresden sind neue Investitionen von rund 1,1 Milliarden Euro geplant. Und Sachsen-Anhalt hält auch ohne Intel an der Entwicklung des High-Tech-Parks bei Magdeburg fest und spricht mit Investoren.
Strukturelle Defizite im Osten
Doch Hiobsbotschaften bleiben hängen. Zalando wurde 2012 in Erfurt, Intel 2022 als großes Versprechen angekündigt. Kommunen gehen in Vorleistung mit Fördergeldern und Infrastruktur, während in fernen Konzernzentralen Entscheidungen getroffen werden.
Angesichts der schwierigen Lage warnten Arbeitgeber und Gewerkschaften der ostdeutschen Chemiebranche im Dezember vor einem regelrechten Abbau Ost und dem Verlust von bis zu 63.000 Arbeitsplätzen. Für die Ostdeutschen dürften die jüngsten wirtschaftlichen Rückschläge keine guten Erinnerungen an bisherige Transformationserfahrungen hervorrufen.