IT/OT-Konvergenz: Wie Zebra den Shopfloor vernetzt
Fachkräftemangel, Medienbrüche, wachsende Sicherheitsanforderungen: Warum Connected Frontline Worker, Edge-KI und offene Plattformen jetzt entscheidend für die Fertigung sind – und welche Rolle Zebra und der Channel dabei spielen.
Die Konvergenz von IT und OT ist in vielen Fabriken vom Schlagwort zur Notwendigkeit geworden. Fachkräftemangel, volatile Lieferketten und steigende Sicherheitsanforderungen zwingen Unternehmen dazu, analoge Inseln und Medienbrüche konsequent abzubauen. Zebra Technologies positioniert sich dabei als Enabler für den „Connected Frontline Worker“ – also für jene Mitarbeitenden in Produktion, Logistik und Werksbetrieb, deren Arbeitsplätze oft noch weit von durchgängiger Digitalisierung entfernt sind.
„Der Mitarbeiter steht im Mittelpunkt von dem, was wir da tun“, betont Stephan Pottel, Industry Director Manufacturing EMEA bei Zebra Technologies. Es gehe nicht darum, Menschen zu ersetzen, sondern sie in einer immer stärker automatisierten Umgebung sinnvoll zu unterstützen. Viele Prozesse auf dem Shopfloor laufen noch immer über Papier, Excel-Listen und manuelle Doppel- oder Dreifacherfassung. „Excel ist in vielen Betrieben immer noch das Lieblingsinterface ins ERP-System“, so Pottel.
Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel und Verrentung erfahrener Wissensträger sei es entscheidend, die vorhandene Belegschaft für höherwertige Tätigkeiten zu befähigen. „Wenn ich weniger Mitarbeiter habe, muss ich die, die ich habe, so unterstützen und empowern, dass sie den bestmöglichen Wert fürs Unternehmen bringen“, so Pottel. Digitale Assistenzsysteme, ergonomische Datenerfassung und Automatisierung sich wiederholender Tätigkeiten schaffen hier Spielräume – bis hin zu Szenarien, in denen autonome mobile Roboter klassische Transportaufgaben übernehmen und Mitarbeitende in Planung, Qualitätssicherung oder Fehleranalyse nachrücken können.
Connected Frontline Worker: Ergonomie trifft Automatisierung
Ein zentraler Hebel sind robuste, aber Smartphone-ähnliche Endgeräte, die Mitarbeitende intuitiv bedienen können. „Wenn unsere Geräte als Nachfolger vom Papier eingesetzt werden, ist der Übergang meist komplikationslos, da es sich am Ende um Smartphone-ähnliche Geräte handelt, die jeder seit Jahren einsetzt“, erklärt Alexander Honigmann, Sales Director Manufacturing, T&L and Government Germany bei Zebra. Das Ziel: zusätzliche Datenerfassung ohne zusätzliche Bürde.
Zebra investiert stark in Ergonomie – vom Schwerpunkt der Geräte über die Akkuposition bis hin zu Wearables am Handgelenk, Handrücken oder Revers. Ergänzend kommen Machine-Vision-Systeme und automatisierte Prüfschritte hinzu: fest installierte Scanner erkennen, ob Bauteile korrekt positioniert sind oder Barcodes vollständig erfasst wurden, ohne aktives Zutun der Mitarbeitenden.
Wie groß der Effekt sein kann, zeigt ein Beispiel aus der Lebensmittelindustrie: Beim Wareneingang mussten bislang dutzende Kartons pro Palette mit zwei Barcodes in fester Reihenfolge gescannt werden – ein Vorgang von bis zu zwei Minuten pro Palette. „Mit neuen Lösungen und einem KI-basierten Barcode-Scan kommen wir von zwei Minuten auf wenige runter, weil nur noch ein Foto pro Seite nötig ist“, erläutert Pottel.
Auch subjektiv wird der Mehrwert sichtbar: Honigmann berichtet von einem Kunden, bei dem Mitarbeitende älteren Geräte, die nicht von Zebra stammten, absichtlich beschädigten, „um sich schneller ein neues Gerät mit höherer Scanleistung abholen zu können“. Ein ungewöhnlicher, aber deutlicher Hinweis auf Akzeptanz und Effizienzgewinn.
Edge-KI und offene Schnittstellen statt Cloud-Zwang
Mit zunehmender Sensorik, KI und Automation stellt sich zwangsläufig die Frage nach Datenhoheit, Sicherheit und Kosten. Vor allem die Fertigungsbranche ist sensibel, wenn Produktionsdaten das Werk verlassen. „Clouds außerhalb des europäischen Rechtsraums sind im deutschen Umfeld häufig nicht die erste Wahl“, sagt Pottel.
Zebra verfolgt daher den Grundsatz: Alles, was möglich ist, bleibt lokal. Und alles, was übertragen wird, folgt offenen Standards wie OPC UA oder MQTT. Das schließt auch Sicherheitsmechanismen ein: Lösungen wie Identity Guardian erlauben Single Sign-on über biometrische Merkmale, ohne dass diese das Gerät je verlassen oder länger als 24 Stunden auf dem Gerät gespeichert werden. Die klassische Trennung zwischen IT, die „den Kram organisiert“, und OT, die Prozesse definiert, wird damit schrittweise aufgelöst.
Plattformbasierte Ansätze, bei denen operative Fachbereiche Prozesse selbst modellieren und anpassen können, ohne für jede Änderung eine neue Applikation entwickeln zu müssen, gelten Zebra als Schlüssel für eine pragmatische IT/OT-Konvergenz – gerade im Mittelstand, wo weder Zeit noch Budget für monolithische Großprojekte vorhanden sind.
Auch Kosten spielen eine Rolle. Pottel berichtet von einem Triebwerkshersteller, dessen Cloud-Analytics-Projekte an Budgetgrenzen scheiterten: „95 Prozent der Ergebnisse waren grün, aber dafür die gesamte Verarbeitung auszulagern, war zu teuer.“ Edge-KI auf dem Gerät und Cloud-Nutzung nur für komplexere Analysen sieht Zebra daher als realistischen Mittelweg.
Parallel gewinnt die Debatte um digitale Souveränität an Bedeutung. Europäische SaaS-Alternativen und souveräne Cloud-Stacks sollen Unternehmen langfristige Wahlfreiheit ermöglichen. „Wir werden nicht ohne Cloud auskommen“, so Pottel, „aber es muss die richtige Cloud sein – und nicht alles muss über den Teich.“
Chancen für den Channel: Von Hardwareverkauf zu Lösungsprojekten
Für den Channel bedeutet diese Entwicklung einen Rollenwechsel und eine Chance. „Wir machen fast ausschließlich unser Geschäft über Partner“, betont Honigmann. Zebra arbeitet sowohl mit Distributoren als auch mit Systemhäusern und spezialisierten ISVs zusammen, die Hardware, Services und eigene Softwarelösungen kombinieren. Über Zebra-Bausteine wie Gerätemanagement, Security-Funktionen oder Identitätslösungen können Partner ihr Portfolio erweitern, ohne selbst tief in Forschung und Entwicklung investieren zu müssen.
Ein Zebrakunde sagte auf einem Branchenvortrag: „Unser Gerät ist das Zentrum des Universums, weil alle Applikationen darauf laufen“, so Honigmann. Wenn Kommunikation, Prozessführung und Qualitätskontrolle auf einem einzigen Gerät zusammengeführt werden, sinkt die Zahl unterschiedlicher Endgeräte – und damit Schulungs- und Supportaufwand.
Für IT-orientierte Partner öffnen sich neue Türen: Vision-Systeme, Edge-KI und Workflow-Digitalisierung erlauben den Schritt in OT-nahe Projekte. „Wenn ich mich mehr um die OT-Seite kümmere, bin ich viel eher im Projekt – bei der Definition, nicht nur der Umsetzung“, erklärt Pottel. Gerade in mittelständischen Industrien kann das entscheidend sein, um langfristige Kundenbeziehungen auszubauen.
Honigmann rät, pragmatisch vorzugehen: „Man sollte einfach Dinge ausprobieren. Oft entstehen die besten Use Cases erst dabei.“ Viele Kunden entdeckten zusätzliche Einsatzmöglichkeiten erst im Tun und nicht am Reißbrett. Wichtig ist jedoch anzufangen auch ohne alles im Detail durchdacht zu haben.
IT/OT-Konvergenz ist kein Selbstzweck, sondern ein Hebel zur Stärkung der Human Performance. Sie entlastet Mitarbeitende, senkt Fehlerquoten und macht Daten operativ nutzbar. Wer frühzeitig auf offene, Edge-fähige Plattformen setzt und Partner einbindet, etabliert effizientere Prozesse und legt die Grundlage für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit in einer zunehmend datengetriebenen Industrie.