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MWC 2026

Digitale Souveränität, XGS-PON und die neue Macht im Heimnetz

Wenn kommende Woche in Barcelona der Mobile World Congress (MWC) beginnt, geht es längst nicht mehr nur um Smartphones und Mobilfunkmasten. Der MWC ist zur globalen Plattform für digitale Infrastruktur geworden – für Netzbetreiber, Cloud-Anbieter, Ausrüster, Softwarehersteller und zunehmend auch für Unternehmen, die das digitale Zuhause und den digitalen Arbeitsplatz prägen.

Autor: Tillmann Braun / Redaktion: Diana Künstler • 25.2.2026 • ca. 4:15 Min

MWC 2025
© 2025 GSMA / MWC

Was auf den ersten Blick wie eine Fachmesse für Provider wirkt, betrifft letztlich jeden: Denn ohne leistungsfähige Netze, sichere Infrastruktur und funktionierendes WLAN im eigenen Zuhause läuft heute weder das Homeoffice noch Streaming, E-Commerce oder industrielle Digitalisierung.

In diesem Jahr zeichnen sich vier große Themenfelder ab, die auch für deutsche und österreichische Leser besonders relevant sind: digitale Souveränität, freie Endgerätewahl, der Glasfaser-Technologiesprung auf XGS-PON sowie die nächste Evolutionsstufe im WLAN – inklusive neuem Device-Management durch die Provider.

Digitale Souveränität: Von der Cloud bis zum Router

Der Begriff „digitale Souveränität“ wird auf dem MWC omnipräsent sein. Dabei geht es längst nicht nur um europäische Cloud-Initiativen oder geopolitische Lieferketten. Souveränität betrifft die gesamte Wertschöpfungskette – von Halbleitern über Netzwerkinfrastruktur bis hin zu Softwareplattformen und Endgeräten. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie verletzlich globale Lieferketten sind. Gleichzeitig wächst in Europa das Bewusstsein, dass kritische Infrastruktur – also Netze, Rechenzentren und Zugangstechnik –unabhängiger aufgestellt werden muss.

Dabei darf ein Aspekt nicht unterschätzt werden: Die digitale Souveränität endet nicht im Backbone-Netz oder im Rechenzentrum. Sie reicht bis ins Wohnzimmer. Der Router, das Glasfasermodem und das WLAN-Gateway sind die Schnittstelle zwischen globaler Infrastruktur und dem einzelnen Nutzer. Wer hier Kontrolle ausübt, besitzt Einfluss auf Sicherheit, Datenschutz, Performance und Innovationsgeschwindigkeit.

Freie Endgerätewahl: Regulierung beschlossen – Umsetzung offen

Ein zweites, hochpolitisches Thema betrifft die freie Wahl von Endgeräten. Auf europäischer Ebene ist längst geregelt, dass Nutzer von Telekommunikationsdiensten ihre Endgeräte frei wählen können müssen. Provider dürfen Geräte anbieten – sie dürfen deren Nutzung aber nicht erzwingen.

Während einige Länder diese Vorgaben konsequent umgesetzt haben, ist die Lage in anderen EU-Staaten noch uneinheitlich. Technische Argumente gegen freie Endgerätewahl greifen dabei kaum: Alle gängigen Internetzugangsarten – DSL, Kabel, Glasfaser – sind standardisiert. In Ländern wie Deutschland mit freier Endgerätewahl funktionieren Netze stabil und ohne Qualitätsverlust. Dass manche Anbieter weiterhin versuchen, eigene Endgeräte verpflichtend durchzusetzen, ist deshalb schwer nachvollziehbar. Offiziell wird häufig mit Netzstabilität oder Supportaufwand argumentiert. Faktisch geht es jedoch auch um Kontrolle über Firmware, Datenflüsse und Zusatzdienste.

Für Unternehmen und Privatanwender bedeutet die freie Endgerätewahl mehr Innovationsfreiheit, bessere Sicherheitsoptionen und oft leistungsfähigere WLAN-Technik. Auf dem MWC dürfte dieses Thema im Kontext digitaler Selbstbestimmung weiter an Bedeutung gewinnen.

XGS-PON: Der Glasfaser-Sprung auf 10 Gigabit

Technologisch steht der nächste große Schritt im Festnetzbereich bevor: XGS-PON. Während GPON bislang typischerweise bis zu 2,5 Gbit/s im Downstream ermöglicht, erlaubt XGS-PON symmetrische Geschwindigkeiten von bis zu 10 Gbit/s. In Ländern wie der Schweiz, Frankreich oder Spanien sind entsprechende Angebote für Endkunden bereits Realität. Auch zahlreiche europäische Provider haben Rollouts angekündigt.

Doch mit höheren Bandbreiten entsteht ein neues Problem: Das Netz daheim oder im Büro kann nur so schnell sein wie das Endgerät es weitergibt. Millionen neuer Router und ONTs werden benötigt, um XGS-PON vollständig auszuschöpfen. Hier beginnt eine kritische Phase. Leistungsfähige XGS-Chipsätze sind kostenintensiv. Einige Provider sparen deshalb an anderer Stelle – etwa bei WLAN-Komponenten. Doch ein 10-Gigabit-Anschluss bringt wenig, wenn das WLAN im Haus die Bandbreite nicht verteilen kann.

Moderne Heimnetztechnik benötigt heute mehr als nur einen neuen Funkstandard. Multi-Antennen-Architektur, Multi-User-MIMO, intelligentes Band Steering und Multi Link Operation (MLO) sind entscheidend, um hohe Datenraten stabil an viele Geräte gleichzeitig zu verteilen. Wi-Fi 7 allein garantiert noch keine Qualität – entscheidend ist die Implementierung.

Das neue Wi-Fi 8 und der neue WLAN-Support durch die Provider

Während Wi-Fi 7 gerade erst im Markt ankommt, wird auf dem MWC bereits über Wi-Fi 8 (IEEE 802.11bn) diskutiert. Ziel ist weniger eine massive Erhöhung der Spitzengeschwindigkeit als vielmehr eine Verbesserung von Stabilität, Latenz und Zuverlässigkeit, insbesondere in dichten Netzen und Multi-Device-Umgebungen. Parallel dazu verändert sich die Rolle der Internetanbieter. Sie liefern nicht mehr nur Konnektivität, sondern zunehmend auch WLAN-Optimierung und Support. Möglich wird das durch moderne Device-Management-Plattformen auf Basis von TR-069 und dem Nachfolgeprotokoll TR-369/USP. Über sogenannte ACS-Server können Provider Router konfigurieren, Diagnosen durchführen und WLAN-Probleme aus der Ferne analysieren.

„Moderne Device-Management-Plattformen ermöglichen es Service Providern, proaktiv auf Netzwerkprobleme zu reagieren, bevor der Kunde sie überhaupt bemerkt“, erklärt Ana Rados, Marketing Director bei Axiros. „Über USP lassen sich nicht nur Firmware-Updates automatisiert ausrollen, sondern auch Performance-Parameter des WLANs dynamisch anpassen. Das reduziert Supportkosten und erhöht gleichzeitig die Kundenzufriedenheit deutlich“, betont Ana Rados.

Für technikaffine Nutzer eröffnet das neue Möglichkeiten: Sie können eigene Geräte einsetzen – und gleichzeitig vom professionellen Remote-Support profitieren.

Studien zeigen: Die Download-Geschwindigkeit ist nicht das einzige Qualitätskriterium

Mit steigenden Bandbreiten verlangen Kunden und Anbieter mehr Transparenz. Hier kommt Ookla ins Spiel. Viele kennen das Unternehmen nur wegen seines Speedtest-Dienstes. Für Netzbetreiber ist Ookla jedoch eine unverzichtbare Quelle für Studien und Analysen zur Konnektivität und Netzwerkqualität weltweit.

„Unsere Daten zeigen, dass die Nutzererfahrung zunehmend von Faktoren beeinflusst wird, die über die beworbene Download-Geschwindigkeit hinausgehen“, berichtet Luke Kehoe, Branchenanalyst bei Ookla. „Latenz, Stabilität und WLAN-Leistung im Heimnetzwerk spielen eine immer wichtigere Rolle. Insbesondere in Europa sehen wir erhebliche Unterschiede zwischen der beworbenen Verbindungsgeschwindigkeit bis zur Haustür und der tatsächlich erreichbaren Leistung im Haushalt über WLAN“, erklärt der Experte. Solche Analysen sind für Deutschland und Österreich besonders relevant. Beide Länder investieren stark in Glasfaser, aber das tatsächliche Nutzererlebnis hängt weitgehend vom Router im Heimnetzwerk ab.

Luke Kehoe, Ookla
Luke Kehoe, Branchenanalyst bei Ookla
© Ookla

Der MWC als Infrastruktur-Kompass

Der Mobile World Congress wird dieses Jahr kein Smartphone-Spektakel werden. Vielmehr wird er zum Gradmesser dafür, wie Europa digitale Infrastruktur künftig gestaltet. Digitale Souveränität, freie Endgerätewahl, XGS-PON, Wi-Fi 7 und Wi-Fi 8 sowie intelligentes Device Management sind keine isolierten Fachthemen. Sie sind mitentscheidend dafür, wie zuverlässig, sicher und leistungsfähig digitale Dienste für Millionen Menschen funktionieren.

Für Unternehmen, IT-Verantwortliche und technisch versierte Privatanwender wird immer deutlicher: Die Zukunft der Digitalisierung entscheidet sich nicht nur im Rechenzentrum oder im 5G-Core, sondern ebenso im Router und im WLAN – und mit der Antwort auf die Frage, wer die Kontrolle darüber behält. Und genau deshalb lohnt sich der Blick nach Barcelona.

Tillmann Braun ist freier Journalist.