Digitale Souveränität: „Unternehmen brauchen neue Fragen“
Digitale Souveränität ist mehr als Technik: Sie entscheidet über Kontrolle, Abhängigkeiten und Zukunftsfähigkeit. Im Interview erklärt Sophia Henter (Head of Hybrid IT Consulting, Fsas Technologies), wie Unternehmen durch einen Workload-First-Ansatz und klare KI-Governance echte Gestaltungshoheit zurückgewinnen.
Digitale Souveränität: Warum sich Unternehmen neuen Fragen stellen müssen – Interview mit Sophia Henter, Head of Hybrid IT Consulting bei Fsas Technologies.
connect professional: Frau Henter, kaum ein Begriff wird derzeit so inflationär genutzt wie „Digitale Souveränität“. Was ist aus Ihrer Sicht der Kern des Themas?
Sophia Henter: Aus unserer Perspektive geht es vor allem um Gestaltungshoheit. Viele Unternehmen merken erst in kritischen Situationen, wie abhängig sie von bestimmten Plattformen, Anbietern oder Betriebsmodellen sind. Digitale Souveränität bedeutet, diese Abhängigkeiten bewusst zu analysieren und technologische Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen – auf Basis klarer wirtschaftlicher, rechtlicher und technischer Kriterien.
connect professional: Das klingt nach einer grundlegenden Verschiebung in der Betrachtung von IT.
Sophia Henter: Ja, denn IT ist längst nicht mehr nur Infrastruktur. Sie ist ein strategischer Faktor. Wer heute ein Geschäftsmodell entwickelt oder skaliert, entscheidet automatisch auch über Datenflüsse, Verfügbarkeiten, regulatorische Anforderungen und zunehmend über den Einsatz von KI. Deshalb fragen wir in Beratungsprojekten nach der Zielsetzung: Welche Prozesse sind kritisch? Welche Daten sind sensibel? Welche Risiken wären geschäftsrelevant?
connect professional: Dennoch stellt sich oft die Frage: Cloud oder nicht Cloud?
Sophia Henter: Genau diese Frage ist zu kurz gegriffen. Die relevantere Perspektive lautet: Was benötigt jede einzelne Workload? Wir sehen immer deutlicher, dass Unternehmen mit einem „Workload First“-Ansatz besser fahren als mit einem pauschalen „Cloud First“-Ansatz. Manche Anwendungen profitieren von einer europäischen Public Cloud, andere brauchen wegen Compliance oder Latenz ein eigenes Rechenzentrum oder Edge-Ressourcen. Eine souveräne Architektur ist in der Regel hybrid – und bewusst so gestaltet.
connect professional: Welche Rolle spielt der KI-Boom bei diesen Überlegungen?
Sophia Henter: Eine sehr große. KI verändert sowohl die technologische als auch die organisatorische Dynamik. Wer KI produktiv nutzen möchte, braucht eine saubere Datenbasis, stabile Governance und passende Infrastrukturen. Gleichzeitig steigt das Bedürfnis, sensible Informationen nicht aus der Hand zu geben. Hier entstehen neue Architekturen – etwa Private-GPT-Modelle, On-Prem-KI-Cluster oder hybride Ansätze, bei denen Datenhoheit und moderne KI-Funktionalitäten miteinander kombiniert werden.
Bedeutet das auch, dass Unternehmen stärker in Eigenregie denken müssen?
Henter: Ja, aber nicht im Sinne eines Rückzugs. Es geht darum, bewusst zu entscheiden, wo man externen Mehrwert nutzt und wo man die Hoheit behalten möchte. Die aktuelle Regulatorik – NIS2, DORA, Datenschutz – verstärkt diesen Trend. Was früher als Pflichtaufgabe galt, wird heute zum strategischen Kompass. Wenn wir Compliance, Sicherheit und Architektur gemeinsam betrachten, entstehen robustere, nachhaltigere IT-Landschaften.
In der Praxis stehen viele CIOs unter hohem Modernisierungsdruck. Wie beginnt man diesen Prozess sinnvoll?
Henter: Mit Orientierung. Viele Unternehmen wissen sehr genau, dass sie handeln müssen – aber nicht, an welchem Punkt sie ansetzen sollen. Unser Workshop-Format ist daher bewusst explorativ: Wir ermitteln den aktuellen Reifegrad, klären Prioritäten, definieren Zielbilder und leiten daraus eine realistische Roadmap ab. Entscheidend ist, dass Technologie am Ende nicht Selbstzweck ist, sondern ein Instrument, um Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Was ist für Sie der wichtigste Effekt eines solchen Prozesses?
Henter: Die Perspektive ändert sich. Wenn man die richtigen Fragen stellt, entstehen neue Lösungsräume. Unternehmen erkennen, dass sie nicht nur reagieren müssen, sondern aktiv gestalten können – beim Einsatz von KI, bei der Wahl der Plattform, bei der Entwicklung nachhaltiger Architekturentscheidungen. Das ist der Moment, an dem digitale Souveränität nicht mehr abstrakt ist, sondern spürbaren Mehrwert erzeugt.
connect professional: Viele Unternehmen stehen zwischen Effizienzanforderungen, Nachhaltigkeitszielen und Sicherheitsdruck. Wie lässt sich dieser Dreiklang in der IT-Praxis realistisch ausbalancieren?
Sophia Henter: In der Wahrnehmung kollidieren Nachhaltigkeit, Sicherheit und Effizienz oft. In der Realität greifen sie ineinander: Effiziente Workload-Platzierung reduziert Energieverbrauch, stärkt gleichzeitig Security-by-Design und senkt Kosten. Moderne hybride Architekturen können heute deutlich granularer gesteuert werden – etwa durch lastabhängigen Betrieb, Edge-Optimierungen oder gezielten Einsatz europäischer Cloud-Ressourcen. Der Schlüssel ist Transparenz: Unternehmen müssen verstehen, welcher Workload welche Auswirkungen hat. Diese Erkenntnis führt zu Entscheidungen, die ökologisch und ökonomisch sinnvoll sind und gleichzeitig Sicherheitsvorgaben erfüllen.
Welche Fehler sehen Sie besonders häufig, wenn Unternehmen versuchen, ihre IT souveräner aufzustellen?
Henter: Der größte Fehler ist, diese Fragestellung ausschließlich auf Technologie zu reduzieren, anstatt die eigene Strategie zu beleuchten. Viele Unternehmen kaufen erst Tools und fragen später, wie sie sie sinnvoll integrieren oder welche Risiken verborgen sind. Das zweite Problem ist das Unterschätzen organisatorischer Faktoren: Souveränität entsteht nicht nur in Rechenzentren oder Clouds, sondern auch durch klare Rollen, Governance und Verantwortlichkeiten. Und drittens beobachten wir, dass Unternehmen den Aufwand zur Datenaufbereitung unterschätzen – gerade bei KI-Projekten. Souverän ist nur, wer weiß, welche Daten wo liegen, wem sie gehören und wie sie genutzt werden dürfen.
Wie verändert sich Ihrer Einschätzung nach die Rolle von Consulting – vor allem im Kontext von KI?
Henter: Für uns entwickelt sich die Beratung – weg vom reinen Technologie-Einführungsprojekt hin zu einer Art Übersetzungs- und Vermittlerrolle zwischen Fachbereichen, IT, Compliance und Management. Gerade bei KI ist die Frage „Was ist technisch möglich?“ nur die halbe Wahrheit. Ebenso wichtig sind „Was ist verantwortbar?“, „Was ist wirtschaftlich sinnvoll?“ und „Wie sichern wir unser Geschäftsmodell langfristig ab oder können es durch KI anreichern?“. Consulting im KI-Zeitalter bedeutet, Technologie einzuordnen, Auswirkungen zu verstehen und Entscheidungsräume zu öffnen. Die technische Umsetzung ist wichtig – aber sie folgt einer gemeinsamen strategischen Haltung.
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