Deutsche Wirtschaft im Krisen-Blindflug
Die deutsche Wirtschaft steuert mit erheblichen IT-Sicherheitslücken durch eine zunehmend instabile Weltlage. Eine Bitkom-Studie gibt Anlass zur Sorge: Nur jedes zehnte Unternehmen probt den Ernstfall.
Stromausfall, Datenraub, Sabotage: Eine neue Studie des Digitalverbands Bitkom zeichnet ein düsteres Bild der deutschen Krisenfestigkeit. Obwohl die Gefahr durch Cyberattacken, Sabotage und hybride Kriegsführung wächst, herrscht in vielen Chefetagen operative Sorglosigkeit. Eine Umfrage bei über 604 Unternehmen zeichnet ein düsteres Bild der deutschen Krisenfestigkeit. Deutsche Betriebe könnten ihren Geschäftsbetrieb bei einem Internetausfall im Schnitt gerade einmal 20 Stunden aufrechterhalten. Jedes fünfte Unternehmen müsste sogar sofort die Segel streichen.
Die „Grauzone zwischen Krieg und Frieden“
„Hybride Angriffe sind kein potenzielles Risiko, sie sind Realität“, warnt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst und verweist auf den massiven Anschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang des Jahres. Die Wirtschaft ist sich dieser Gefahr durchaus bewusst: 83 Prozent der Befragten rechnen mit einer ernsthaften Krise durch hybride Attacken; mehr als die Hälfte hält eine militärische Konfrontation zwischen der NATO und Russland innerhalb der nächsten fünf Jahre für möglich.
Dennoch klafft zwischen dem Gefahrenbewusstsein und dem tatsächlichen Schutzniveau eine gefährliche Lücke:
- Mangelhafte Vorsorge: Ganze 78 Prozent der Unternehmen stufen ihre eigene Vorbereitung als „eher schlecht“ oder „gar nicht vorhanden“ ein.
- Fehlende Resilienz: Nur jedes zehnte Unternehmen führt regelmäßige Krisenübungen durch.
- Energie-Vakuum: Lediglich 20 Prozent verfügen über eine eigene Notstromversorgung.
Neuralgische Punkte: Energie, Finanzen, Daten
Besonders alarmiert zeigt sich die Wirtschaft bei der kritischen Infrastruktur. Die Energieversorgung sowie das Banken- und Versicherungswesen gelten als die verwundbarsten Flanken. Wintergerst mahnt hier zu mehr „Datensparsamkeit“ – so sei es ein vermeidbares Risiko, sensible Gigabit-Leitungen öffentlich in Katastern zu verzeichnen und Saboteuren damit eine digitale Landkarte für Anschläge zu liefern.
Personalnot im Krisenfall
Ein oft unterschätzter Faktor ist der Faktor Mensch. Im Falle einer Mobilmachung oder eines massiven Katastrophenschutzeinsatzes droht vielen Firmen der personelle Aderlass. Nur etwa 20 bis 30 Prozent der Betriebe haben überhaupt einen Überblick darüber, welche Mitarbeiter bei der Bundeswehr oder dem Zivilschutz (z. B. THW oder Feuerwehr) verpflichtet sind. Im Ernstfall müssten Firmen mit dem plötzlichen Wegfall von rund 9 Prozent ihrer Belegschaft kalkulieren – eine logistische Herkulesaufgabe, für die kaum Pläne existieren.
Ruf nach dem starken Staat
Trotz des Vertrauens in staatliche Stellen wie das BSI fühlen sich nur 22 Prozent der Firmen ausreichend informiert. Die Forderungen an die Politik sind daher eindeutig:
- Informationskampagnen und klare Lagebilder zu hybriden Bedrohungen.
- Finanzielle Förderung für Sicherheitsmaßnahmen und die heimische Sicherheitsindustrie.
- Verpflichtende Standards, die jedoch praxisnah und umsetzbar sein müssen.
Die Wirtschaft scheint bereit, zu investieren: 37 Prozent wollen ihre Budgets für Schutzmaßnahmen im Jahr 2026 erhöhen. Ob dies ausreicht, um die jahrelangen Versäumnisse im Vergleich zu Vorreitern wie den skandinavischen Staaten aufzuholen, bleibt die entscheidende Frage für die Stabilität des Standorts Deutschland.