“In einigen Monaten sind Ersatzbeschaffungen unausweichlich”
Engpässe und Preissteigerungen bei Speichern machen den PC-Herstellern zu schaffen. Eigenmarkenfertiger Bluechip (Eigenschreibweise "bluechip") zeigt, dass man mit cleverer Bevorratung, persönlichen Ansprechpartnern und loyalen Kunden auch in schwierigen Zeiten Umsatz und Ergebnis steigern kann, wie Vorstand Sven Buchheim im Interview mit connect professional berichtet.
connect professional: Wie ist das abgeschlossene Geschäftsjahr bei Bluechip gelaufen und wie sieht es im frisch gestarteten aktuellen Jahr derzeit aus?
Sven Buchheim: Unser Geschäftsjahr orientiert sich nicht am Kalenderjahr, sondern läuft vom 1. Juni bis zum 31. Mai. Diese Umstellung haben wir bereits in den Anfangsjahren vorgenommen, da wir damals ein sehr starkes Jahresendgeschäft hatten. Die Monate November und Dezember waren die umsatzstärksten Monate, während Mai und Juni vergleichsweise ruhig verliefen.
Mit der Gesamtentwicklung der vergangenen Monate sind wir sehr zufrieden. Unser strategischer Schwerpunkt liegt auf dem Eigenmarkengeschäft, das rund zwei Drittel unseres Gesamtumsatzes ausmacht. Innerhalb dieses Segments verzeichnen insbesondere Desktop-PCs, Notebooks und Mini-PCs ein sehr starkes Wachstum. Treiber hierfür war vor allem das Support-Ende von Windows 10, das sich seit August vergangenen Jahres deutlich bemerkbar gemacht hat. Infolgedessen konnten wir ein signifikantes Umsatz- und Ergebniswachstum gegenüber dem Vorjahr erzielen.
Ergänzt wird das Eigenmarkenportfolio durch ein gezielt ausgebautes Distributionsgeschäft mit passender Handelsware. Dazu zählen insbesondere Peripherieprodukte wie Monitore, beispielsweise von Iiyama oder AOC, mit denen wir kürzlich eine Distributionspartnerschaft geschlossen haben.
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"Wie haben uns gut bevorratet"
Nach den Lieferengpässen in der Corona-Zeit sehen wir jetzt eine ähnliche Situation bei Speichern. Wie gravierend ist die Lage für einen PC-Hersteller wie Bluechip?
Buchheim: Unsere Auftragseingänge im November und Dezember waren solide kalkuliert. Wir hatten uns frühzeitig gut bevorratet, insbesondere mit SSDs und Speichermodulen. Bereits ab Ende September haben wir die Lagerbestände deutlich aufgestockt und konnten die Preise über einen längeren Zeitraum stabil halten. Auch aktuell sind wir in der Lage, unseren Partnern ausgewählte Desktop-PCs und Mini-PCs zu sehr attraktiven Konditionen anzubieten.
Ab November kam es dann zu spürbaren Preisverwerfungen. Dabei waren nicht nur Speicherkomponenten betroffen. Für uns als großer Intel-Partner stellte auch die eingeschränkte Verfügbarkeit von Prozessoren eine Herausforderung dar. Zusätzlich zu den bestehenden Preisvolatilitäten ist durch die Krise im Nahen Osten inzwischen auch die Lieferkette stärker unter Druck geraten, was die Gesamtsituation weiter verschärft.
Feste Projektpreise für bis zu sechs Monaten
Wie gehen Sie damit um?
Buchheim: Für bestehende Projekte haben wir unseren Partnern bei verbindlicher Abnahme teilweise sogar feste Preise mit einer Laufzeit von bis zu sechs Monaten zugesichert. Das können wir derzeit noch leisten – im Gegensatz zu vielen anderen Anbietern. Einige arbeiten inzwischen sogar mit Tagespreisen, was im Projektumfeld jedoch kaum praktikabel ist.
Wir gehen davon aus, dass die derzeitige Verknappung weiter anhält, insbesondere bei Speicherkomponenten, und sich auch der Preisdruck fortsetzen wird.
Hat sich die Situation bei Prozessoren entspannt?
Buchheim: Bei Prozessoren rechnen wir mit Preissteigerungen von etwa fünf bis zehn Prozent. Das ist aus unserer Sicht noch gut vertretbar. Allerdings betrifft die aktuelle Situation nicht nur Speicherkomponenten. Wir beziehen aus Asien auch weitere Bauteile und Barebones, deren Verfügbarkeit ebenfalls eine Rolle spielt. Dennoch stehen Speicher derzeit besonders stark im Fokus, da hier die Engpässe am deutlichsten spürbar sind.
Gartner sagt, vor allem das Einstiegssegment bei PCs stehe extrem unter Druck und könnte sogar vom Markt verschwinden.
Buchheim: Wir fokussieren uns bewusst nicht auf das Einstiegssegment, sondern auf höherwertige B2B-Systeme. In diesem Bereich ist derzeit jedoch eine spürbare Nachfragezurückhaltung zu beobachten. Viele Unternehmen agieren aktuell sehr abwartend und verlängern die Nutzungsdauer ihrer bestehenden Geräte. Das ist allerdings kein dauerhaft tragfähiger Zustand. In einigen Monaten werden Ersatzbeschaffungen unausweichlich sein, und damit dürfte auch die Akzeptanz höherer Preise zunehmen.
Zwar rechne ich bei Desktop-PCs mit Rückgängen von etwa 15 bis 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr, insgesamt blicke ich jedoch weiterhin optimistisch auf die Entwicklung.
Mehr Server und Storage
Dafür boomt der Datacenter-Markt weltweit und hier hat Bluechip ebenfalls Hardware im Angebot, wie Server und Storage. Welche Rolle spielt das Geschäft mit IT-Infrastruktur und was ist geplant?
Buchheim: Wir wollen den Bereich Server und Storage gezielt weiter ausbauen. Dieses Segment bietet erhebliches Potenzial, auch wenn die Preise für Speicherkomponenten hier zuletzt stark gestiegen sind. Langfristig verfolgen wir damit das Ziel, unsere Abhängigkeit von klassischer PC-Hardware weiter zu reduzieren und das Portfolio breiter aufzustellen.
Zukunftsträchtige Produkte sind ja vor allem Cloud, As-a-Service und KI. Wie sieht es denn damit bei Bluechip aus?
Buchheim: Wir erweitern unser Angebot bereits deutlich um Services und Dienstleistungen rund um die Hardware unserer Partner, etwa durch Rollouts, Fulfillment und individuelle Sonderausstattungen. Auch Workplace as a Service, ein flexibles Arbeitsplatzmodell auf Mietbasis, spielt dabei eine zunehmend wichtige Rolle.
Parallel dazu bauen wir unser Cloud-Segment konsequent aus. In diesem Bereich verzeichnen wir aktuell ein erfreuliches Umsatzwachstum von rund 40 Prozent.
Cloud-Services aus einem eigenen Rechenzentrum?
Buchheim: Unsere Cloud-Services betreiben wir aus einem gemieteten Rechenzentrum, in dem wir mit eigener Hardware vertreten sind.
Digitale Souveränität ist gerade ja auch ein Hypethema. Sorgt der Wunsch nach digitaler Unabhängigkeit für Nachfrage nach Ihren Cloud-Services?
Buchheim: Unsere rund 3.000 Partner, vor allem Fachhändler und Systemhäuser, betreuen eine große Zahl mittelständischer Unternehmen. Für diese Zielgruppe ist das Thema besonders relevant. Gefragt sind dabei vor allem hybride Lösungen, die bestehende Infrastrukturen mit neuen Technologien sinnvoll verbinden.
Rund 3.000 Partner. Darunter sind sicher viele langjährige Kunden?
Buchheim: Wir verfügen über einen hohen Anteil langjähriger Kunden. Zufriedenheit führt hier in der Regel auch zu Loyalität. Unsere Zielgruppe legt großen Wert auf persönliche Ansprechpartner und telefonische Beratung. In den vergangenen Jahren haben viele Anbieter stark auf Online-Shops und Tools wie Konfiguratoren gesetzt. Damit lassen sich jedoch nicht alle Fragen klären oder Probleme lösen. Häufig ist ein persönliches Gespräch schneller und effizienter.
Aus diesem Grund legen wir großen Wert auf unsere Präsenz bei Veranstaltungen und Messen. Zudem sind Schulungen und Trainings für unsere Partner ein zentraler Bestandteil unserer Aktivitäten.
Im September gibt es nach 2024 wieder die Partnerveranstaltung “bluechip LIVE“ in Meuselwitz. Das Konzept mit Roadshow und Partnerveranstaltung im jährlichen Wechsel hat sich offensichtlich bewährt.
Buchheim: In den vergangenen Jahren haben wir im Zweijahresrhythmus eine große Partnerveranstaltung durchgeführt, ergänzt durch Quartalsstammtische mit jeweils etwa 20 bis 50 Teilnehmern. Bei der „bluechip LIVE“ stehen dabei weniger einzelne Hardwareprodukte im Fokus, sondern vor allem ganzheitliche Lösungen.
Ein zentrales Thema ist in diesem Jahr Künstliche Intelligenz. Dabei geht es vor allem darum, wie unsere Partner konkret davon profitieren können und wie wir sie dabei unterstützen. KI ist aktuell zwar ein starkes Hypethema, wir gehen jedoch davon aus, dass es uns noch mehrere Jahre begleiten wird. Unser Ziel ist es daher, Berührungsängste abzubauen und die Partner zu ermutigen, eigene Erfahrungen zu sammeln – etwa mit Copilot. Nicht zuletzt profitieren wir hier auch von unserer engen Partnerschaft mit Microsoft.
Setzen Sie bei Bluechip KI auch intern schon ein?
Buchheim: Ja, das tun wir. Wir betreiben ein eigenes Warenwirtschaftssystem und haben ein internes Entwicklerteam. Zwei Entwickler arbeiten mittlerweile nahezu vollständig KI-gestützt und setzen dabei auf unsere eigenen Daten – selbstverständlich innerhalb einer geschlossenen, kontrollierten Systemumgebung.