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Bluetooth-Broadcast für barrierefreie Gate-Durchsagen

Pilotprojekt mit Bluetooth Auracast am Frankfurter Flughafen

Der Frankfurter Flughafen erprobt gemeinsam mit Projektpartnern den Einsatz der Bluetooth-Broadcast-Technik „Auracast“. Vorbereitungsphase und Pilotprojekt lieferten bereits erste Erkenntnisse, von denen auch andere potenzielle Einsatzorte profitieren können.

Autor: Hannes Rügheimer / Redaktion: Diana Künstler • 16.2.2026 • ca. 4:15 Min

Hörgerät Bluetooth-Broadcast
© Frankfurt Airport

Ende Januar präsentierte der Frankfurter Flughafen ein Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit den Projektpartnern GN Hearing, Google, Samsung, der Sittig Technologies GmbH und der Bluetooth Special Interest Group (SIG): An den beiden Gates A16 und A17 im Terminal 1 setzt der Airport als weltweit erster Flughafen die Bluetooth-Technologie Auracast für öffentliche Durchsagen ein. Die Idee: Passagiere, die am Gate auf den Einstieg in ihr Flugzeug warten, empfangen Durchsagen direkt über ihre Ohrhörer, Smartphones oder auch Hörgeräte.

Das Pilotprojekt soll zunächst zwei Monate lange laufen, um praktische Erfahrungen mit der Umsetzung zu sammeln. Bis Ende März sollen Feedbacks von Reisenden und Mitarbeitenden gesammelt werden, um diese in einem späteren Regelbetrieb berücksichtigen zu können.

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Eröffnung Fraport Auracast 2026
Gemeinsam mit Louisa Solonar-Unteransinger, CIO und Bevollmächtigte für E-Government und Informationstechnologie des Landes Hessen, nahm Fraport sein Pilotprojekt an den Gates A16 und A17 im Terminal 1 feierlich in Betrieb.
© Hannes Rügheimer/connect professional

Das Ziel: Ruhigere Flughäfen, bessere Verständlichkeit

Der Test wurde teilweise durch das öffentliche Förderprogramm Distr@l finanziert, einer Initiative des Landes Hessen zur digitalen Barrierefreiheit. Dabei sollen innovative digitale Projekte durch enge Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie unterstützt werden. Die Leitung des Projekts übernahm Projektpartner Sittig Technologies gemeinsam mit Fraport und der Frankfurt University of Applied Sciences.

Alexander Laukenmann, Senior Vice President Aviation, Fraport AG, erklärte anlässlich der Präsentation: „Auracast unterstützt das Konzept des ,Silent Airports‘. Anstelle häufiger Lautsprecherdurchsagen können Passagiere wichtige Gate-Informationen wie Boarding-Aufrufe, Änderungen oder Verspätungen über ihre eigenen Kopfhörer oder Hörgeräte empfangen.“ Dies trage dazu bei, den Lärm im Terminal zu reduzieren und gleichzeitig die Reisenden umfassend und und akustisch klarer zu informieren.

Hinzu komme, dass die direkt auf die Endgeräte der Passagiere übertragenen Sprachinformationen erheblich besser verständlich sind als über die öffentlichen Lautsprecher. Letztere wird es aber natürlich weiterhin geben, da der Flughafen seine Informationen auch Passagieren übermitteln muss, die über keine passende Empfangstechnik verfügen.

Alexander Laukemann, Fraport
Alexander Laukenmann, Senior Vice President Aviation Fraport AG, bei der offiziellen Vorstellung des Auracast-Pilotprojekts am 28. Januar 2026.
© Hannes Rügheimer/connect professional

Stressfreier und inklusiver reisen mit Hörgerät

Insbesondere für Hörgeräteträger, von denen es allein in Deutschland gemäß dem Bundesverband der Hörsysteme-Industrie (BVHI) und dem Deutschen Schwerhörigenbund e.V. (DSB) etwa 4,7 bis 5,4 Millionen gibt, bietet das Angebot klare Vorteile. Denn Reisenden mit Hörverlust fällt es oft besonders schwer, herkömmliche Lautsprecherdurchsagen in belebten Terminals zu hören. „Indem wir Hörgeräteträgern Auracast zur Verfügung stellen, verbessern wir das Reiseerlebnis für Passagiere mit Hörverlust – sie erhalten einen klareren Zugang zu Gate-Informationen und können ihre Reise reibungsloser und zuversichtlicher gestalten“, sagt Peter Justesen, Präsident von GN Hearing. „Wir hoffen, dass dieses Pilotprojekt viele weitere Flughäfen dazu inspirieren wird, die nächste Ära des vernetzten und barrierefreien Reisens einzuläuten.“

Weltweit sind laut WHO sogar bis zu 1,5 Milliarden Menschen von Hörverlust betroffen – fast jeder Fünfte. Durch die zunehmende Alterung der Bevölkerungen werde die Zahl künftig sogar noch weiter steigen.

Nachrüstung von Flughafen-Gates unaufwendig

Die Ausrüstung eines Flughafen-Gates mit der erforderlichen Technik ist vergleichsweise einfach und kostengünstig: Die im Pilotprojekt von Sittig Technologies realisierte Auracast-Sendeeinheit wird direkt im IP-basierten Ansagesystem „PAXGuide“ der Gate-Mitarbeiter integriert. So müssen keine Änderungen an der vorhandenen Installation und Verkabelung oder sonstige Baumaßnahmen durchgeführt werden, die an Flughäfen viele Genehmigungen und viel logistischen Vorlauf erfordern würden. Auch PA-Systeme anderer Hersteller lassen sich selbstverständlich mit Auracast erweitern beziehungsweise nachrüsten.

Auracast ist ein Unter-Standard des Kurzstreckenfunks Bluetooth, der Audioübertragungen nach dem „Broadcast“-Prinzip von einem Sender an beliebig viele Empfänger in dessen Reichweite überträgt. Technisch basiert Auracast auf Bluetooth 5.2 und dessen Low-Energy-Modus (Bluetooth LE). Um einen Auracast-Sender zu empfangen, müssen ihn Besitzer kompatibler Endgeräte aus einer Liste auswählen, ähnlich wie heute von WLAN bekannt. Auch durch Scannen eines QR-Codes können sich die Nutzer auf den angebotenen Kanal aufschalten. Prinzipiell ist es dann auch möglich, weiter eine eigene Audioquelle wie etwa einen Podcast oder eine Musik-Playlist zu hören, deren Wiedergabe nur dann unterbrochen wird, wenn ein Tonsignal auf dem gewählten Auracast-Kanal ausgestrahlt wird. Die konkrete Implementation hängt aber vom jeweiligen Geräte- beziehungsweise App-Anbieter ab.

Perspektivisch sei es auch möglich, vorproduzierte oder per Text-2-Speech übersetzte Ansagen auf parallelen Auracast-Kanälen in mehr als 40 Sprachen auszusenden, sodass eine Vielzahl von Passagieren die Sprachinformationen in ihrer Muttersprache empfangen kann.

PAXGuide
Die Auracast-Sendeeinheit hat Projektpartner Sittig Technologies direkt im IP-basierten Ansagesystem „PAXGuide“ der Gate-Mitarbeiter integriert.
© Hannes Rügheimer/connect professional

Kompatibilität und konkreter Funktionsumfang herstellerabhängig

Aus Sicht der Anbieter von Smartphones, Kopfhörern und vernetzten Hörgeräten ist Auracast eine Software-Erweiterung des sogenannten Bluetooth-Stacks. Zu den ersten Anbietern, die dies umgesetzt haben, zählen die am Fraport-Projekt teilnehmenden Partner Samsung und Google (mit jüngeren Modellen seiner Pixel-Smartphones) sowie GN Hearing für seine Smartphone-gestützten Hörgeräte. Weitere Smartphone-Hersteller aus dem Android-Lager werden Auracast mit anstehenden Software-Updates ebenfalls unterstützen. Noch keine belastbaren Informationen gibt es von Apple – doch Branchenbeobachter gehen davon aus, dass auch dieser Hersteller die entsprechenden Software-Erweiterungen bald in einem der nächsten Systemupdates nachliefern dürfte.

Erfahrungen aus Vorbereitungsphase und Pilotprojekt

Erste Erfahrungen wurden bereits in seit November durchgeführten „stillen Tests“ gesammelt, bis das Projekt Ende Januar offiziell live ging. Marcel Brühne, Referent Passenger & IT Solutions Terminal Process bei der Fraport AG, berichtet aus der Implementations-Phase: „Ein Thema, mit dem wir uns intensiver auseinandersetzen mussten, waren Interferenzen – es gibt an einem Flughafen sehr viele Signale auf der Bluetooth-Frequenz 2,4 Gigahertz, beispielsweise WLAN-Hotspots und andere laufende Bluetooth-Übertragungen.“ Die Problematik ließ sich aber durch Konfigurationsoptimierungen vonseiten Sittig Technologies beheben.

Dennoch sei die nun gestartete zweimonatige Testphase dafür gedacht, den Service unter Alltagsbedingungen zu evaluieren, zu optimieren und in Zusammenarbeit mit den beteiligten Partnern Best Practices abzuleiten. „Wir sind absolut offen dafür, unsere Detailerfahrungen auch mit anderen Partnern wie zum Beispiel auch anderen Airports zu teilen“, betont Johannes Sittig, CEO US von Sittig Technologies. Auch den Einsatz der Technologie in anderen Umgebungen wie etwa Bahnhöfen, Shopping-Zentren, Sportarenen, Fitness-Clubs, Hörsälen, Museen oder Theatern begleite man gerne.

Offizielle Ankündigungen, wie es nach der Pilotphase des Flughafen-Projekts weitergehen wird, gibt es bislang noch nicht. Allerdings sprechen die einfache und kostengünstige Implementation und die klaren Vorteile für die Passagiere dafür, dass sowohl Fraport als auch andere Airports – und auch andere interessierte Locations – nicht mehr allzu lange damit warten dürften, Auracast-basierte Durchsageservices breiter einzuführen.