KI-Trends 2026: Branchenmodelle, Echtzeit-Copiloten und Compliance-Architekturen
Künstliche Intelligenz entwickelt sich in Deutschland zunehmend vom Pilotprojekt zur geschäftskritischen Infrastruktur. Laut Andrea Hendrickx, VP und Country Head bei Infosys Germany, seien insbesondere branchenspezifische Modelle, regulierungskonforme Architekturen und produktivitätssteigernde Echtzeit-KI die zentralen Trends für 2026. Voraussetzung für eine erfolgreiche Skalierung seien jedoch klare Standards, vertrauenswürdige Daten und funktionsübergreifende Zusammenarbeit.
- KI-Trends 2026: Branchenmodelle, Echtzeit-Copiloten und Compliance-Architekturen
- Vom Pilotprojekt zur skalierbaren KI-Strategie
- Vertrauen und Trends – KI im Jahr 2026
Die digitale Transformation befindet sich in einer entscheidenden Phase, in der GenAI, Automatisierung und datengesteuerte Prozesse erhebliche Effizienzsteigerungen versprechen. Dennoch stehen viele Unternehmen vor Herausforderungen wie Legacy-IT-Systemen, Fachkräftemangel und zunehmender Regulierung. Vor diesem Hintergrund spricht Andrea Hendrickx, VP, Country Head, Infosys Germany, darüber, wie KI sich verantwortungsbewusst und effektiv einsetzen lässt und welche Trends das Jahr 2026 wirklich prägen werden.
connect professional: Frau Hendrickx, viele Unternehmen stehen derzeit unter hohem Druck, ihre digitalen Transformationsprojekte zu beschleunigen. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach künstliche Intelligenz dabei – und warum gerade jetzt?
Andrea Hendrickx: KI ist zum Katalysator geworden, der die digitale Transformation beschleunigt. Sie geht direkt auf die Herausforderungen ein, mit denen Unternehmen heute konfrontiert sind – steigende Kosten, Fachkräftemangel und zunehmender Wettbewerb. Denn dank KI sind Unternehmen in der Lage, komplexe Prozesse zu automatisieren, veraltete Systeme zu modernisieren und den Wert von Daten zu erschließen, ohne die gesamte Infrastruktur überarbeiten zu müssen. Gleichzeitig haben regulatorische Klarheit und verbesserte Tools für Organisationen KI von einem Experiment zu einem praktischen Hebel für Produktivität, Widerstandsfähigkeit und Innovation gemacht.
connect professional: Infosys gilt weltweit als eine der treibenden Kräfte hinter KI- und Automatisierungslösungen. Welche technologischen Entwicklungen halten Sie derzeit für besonders bahnbrechend für den deutschen Markt?
Hendrickx: Mehrere technologische Entwicklungen erweisen sich als besonders wirkungsvoll für den deutschen Markt. Fortschrittliche, auf die Anforderungen der Industrie zugeschnittene Modelle verändern Branchen wie Fertigung, Automobilindustrie und Gesundheitswesen. Multimodale KI-Systeme, die Texte, Bilder und Sensordaten verarbeiten können, beschleunigen die Automatisierung in Produktionsstätten und der Logistik. Edge-KI ermöglicht Intelligenz direkt auf Maschinen, Fahrzeugen und medizinischen Geräten, was für Echtzeit-Entscheidungen und Datenhoheit von entscheidender Bedeutung ist. Darüber hinaus gewinnen souveräne Cloud- und Datenaustausch-Infrastrukturen an Bedeutung, die eine sichere Zusammenarbeit und Compliance unterstützen.
Eine wichtige Veränderung findet auch im Marketing statt, wo KI-Lösungen wie Infosys Aster Unternehmen mit Hyper-Personalisierung, Echtzeit-Kundenbindung und datengestützter Entscheidungsfindung unterstützen. Dies ermöglicht es Marken, sich an veränderte Verbrauchererwartungen anzupassen und einen messbaren ROI zu erzielen.
connect professional: Die Erwartungen an GenAI sind enorm, aber gleichzeitig gibt es auch viel Unsicherheit. Wo sehen Sie messbare Fortschritte in der Praxis und wo besteht die Gefahr, dass Unternehmen die Möglichkeiten überschätzen?
Hendrickx: In der Praxis zeigen sich messbare Fortschritte mit GenAI überall dort, wo Arbeitsabläufe gut strukturiert sind und die Datenqualität hoch ist, zum Beispiel bei der Automatisierung des Kundenservice, der technischen Dokumentation, Compliance-Prüfungen und der Wissensbeschaffung. Dadurch lassen sich die Bearbeitungszeiten oft verkürzen und gleichzeitig die Genauigkeit verbessern. Diese Anwendungsszenarien zeigen einen klaren ROI, da GenAI bestehende Prozesse ergänzt, anstatt sie neu zu erfinden. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Möglichkeiten überschätzt werden, wenn Unternehmen den Bedarf an Governance, menschlicher Aufsicht und kontinuierlicher Optimierung unterschätzen. Verantwortungsbewusste KI-Praktiken und klare Standards sind für einen nachhaltigen Wert unerlässlich.
connect professional: Daten sind die Grundlage jeder KI-Anwendung. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in deutschen Unternehmen am häufigsten, wenn es um Datenqualität, Integration und moderne IT-Architekturen geht?
Hendrickx: Zu den häufigen Herausforderungen, mit denen deutsche Unternehmen konfrontiert sind, gehören Datenqualität, Integration und moderne IT-Systeme bei der Skalierung von KI. Ein zentrales Problem sind fragmentierte Datenlandschaften, isolierte Systeme und inkonsistente Datenformate. Viele Unternehmen arbeiten immer noch mit Legacy-Anwendungen und unvollständigen Datensätzen, was den Aufbau einheitlicher, zuverlässiger Datensätze für KI erschwert. Veraltete IT-Architekturen können die Echtzeitverarbeitung und skalierbare Bereitstellung behindern, während unausgereifte Governance-Strukturen Unsicherheit in Bezug auf Sicherheit und Compliance schaffen. Um diese Probleme anzugehen, sind Modernisierung, klare Standards und eine starke funktionsübergreifende Zusammenarbeit erforderlich.
connect professional: Viele Branchen leiden unter einem akuten Fachkräftemangel. Wie können Unternehmen KI einsetzen, um ihre Mitarbeiter zu entlasten und gleichzeitig neue Kompetenzen aufzubauen, anstatt sich ausschließlich auf Effizienzsteigerungen zu konzentrieren?
Hendrickx: KI lässt sich nicht nur zur Automatisierung von Arbeitsabläufen einsetzen, sondern auch, um Mitarbeiter aktiv weiterzuentwickeln. Durch den Einsatz von KI als „digitaler Mitarbeiter”, der Routineaufgaben übernimmt, Informationen zusammenfasst oder Echtzeit-Anleitungen gibt, gewinnen Mitarbeiter Zeit, sich auf komplexe, strategische und kreative Aufgaben zu konzentrieren. KI-gestützte Lernpfade, Simulationen und Coaching am Arbeitsplatz helfen den Mitarbeitern, sich während der Arbeit neue Fähigkeiten anzueignen.
connect professional: Automatisierung wird oft mit dem Verlust von Arbeitsplätzen in Verbindung gebracht. Welche Veränderungen beobachten Sie tatsächlich in Teams – und welche Tätigkeiten werden durch KI eher verbessert?
Hendrickx: In der Praxis entwickeln sich Teams weiter, anstatt zu schrumpfen. KI übernimmt repetitive, zeitaufwändige Aufgaben, sodass sich die Mitarbeiter auf höherwertige Arbeiten konzentrieren können. Aktivitäten wie Recherche, Datenanalyse, Berichterstellung und Entwurf von Inhalten werden zunehmend durch KI ergänzt, was schnellere und fundiertere Entscheidungen ermöglicht. Fähigkeiten wie Urteilsvermögen, Kreativität, emotionale Intelligenz und Zusammenarbeit sind noch wichtiger geworden, da KI das menschliche Fachwissen erweitert und Kapazitäten freisetzt.
connect professional: Der regulatorische Rahmen in Europa – vom Datenschutz bis zur KI-Governance – ist komplex. Wie können innovative KI-Lösungen entwickelt werden, ohne dass Compliance-Anforderungen zu verletzen?
Hendrickx: Innovative KI-Entwicklung und das Einhalten gesetzlicher Vorschriften können Hand in Hand gehen, wenn Unternehmen sie von Anfang an berücksichtigen. Das Einbetten von Datenschutz, Sicherheit und Ethik in das KI-Design durch einen „Compliance by Design”-Ansatz gewährleistet robuste technische Schutzvorkehrungen. Das bedeutet, dass hochwertige, gut verwaltete Daten verwendet, Risikobewertungen gemäß dem EU-KI-Gesetz durchgeführt und Transparenz hinsichtlich der Funktionsweise und Verwendung von KI-Systemen gewährleistet werden müssen. Die Zusammenarbeit zwischen Rechts-, IT-, Daten- und Geschäftsteams ist unerlässlich, um regulatorische Anforderungen in praktische Sicherheitsvorkehrungen umzusetzen. Ist Compliance in Innovationsprozesse integriert, wird sie zu einem Wegbereiter für skalierbare, vertrauenswürdige KI.