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Von der Politik zur Praxis

Identität und Compliance im EU-KI-Ökosystem

Die EU macht ernst: Wer KI einsetzt, muss Sicherheit und Compliance entlang der gesamten Lieferkette nachweisen. Doch genau hier liegen die größten Risiken – bei Daten, Partnern und Zugriffen. Warum Identitätsmanagement zur Schlüsseltechnologie wird und was Unternehmen jetzt tun müssen.

Autor: Darren Guccione / Redaktion: Diana Künstler • 2.4.2026 • ca. 3:10 Min

EU Cybersicherheit
© Pawel Michalowski – shutterstock.com

Die Europäische Union setzt mit dem AI Act, NIS2 und dem Cyber Resilience Act (CRA) globale Maßstäbe. Cybersicherheit ist nicht nur eine rechtliche Verpflichtung für traditionelle IT-Infrastrukturen, sondern auch eine Notwendigkeit für interne KI-Systeme und die gesamte KI-Lieferkette. Diese anspruchsvollen Compliance-Anforderungen sind keine isolierten Vorschriften, sondern ein vernetztes System, das die KI-Sicherheit auf mehreren Ebenen adressiert – von der Datenerfassung bis zur Modellbereitstellung. Besonders kritisch ist, dass die Verantwortung über die eigenen Unternehmensgrenzen hinausgeht und externe Lieferanten sowie andere Dritte in der Lieferkette einschließt.

Die KI-Lieferkette und ihre größten Risiken

KI-Systeme sind nur so sicher wie ihr schwächstes Glied, das sich oft außerhalb der Organisation befindet. Die KI-Lieferkette ist ein komplexes Ökosystem aus Daten, Algorithmen, Cloud-Infrastrukturen und Drittanbieterdiensten. Manipulierte Trainingsdaten, wie etwa Model Poisoning, können die Integrität des Systems gefährden, während unsichere APIs Schwachstellen wie Prompt Injection initiieren, die zu falschen Ausgaben oder Datenlecks führen können.

Darüber hinaus können externe Datenanbieter oder Cloud-Dienste, die den EU-Standards nicht entsprechen, schnell zu Compliance-Risiken werden. Während einige Organisationen zwar ihre eigenen KI-Umgebungen sichern können, haben die meisten Schwierigkeiten nachzuweisen, dass ihre Partner und Lieferanten dieselben Standards einhalten.

Regulatorischer Dominoeffekt: Wie ein einzelner Vorfall mehrere Vorschriften verletzen kann

Ein einzelner Sicherheitsvorfall in der KI-Lieferkette kann eine Kaskade an regulatorischen Konsequenzen über mehrere Rahmenwerke hinweg auslösen. Model Poisoning durch manipulierte Trainingsdaten kann beispielsweise die Integritäts- und Robustheitsanforderungen des AI Act (Artikel 15) sowie die Risikomanagementverpflichtungen der NIS2-Richtlinie (Artikel 23) verletzen und Organisationen mit Bußgeldern in Höhe von bis zu 6 Prozent des weltweiten Umsatzes belasten.

Ebenso können Prompt-Injection-Angriffe, die durch unsichere APIs ermöglicht werden, zu Verstößen gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) (Artikel 32) sowie zu Nichtkonformität mit dem Cyber Resilience Act (CRA) (Artikel 10) führen. Dies birgt das Risiko von Betriebsbeschränkungen oder Systemverboten.

In Fällen, in denen Trainingsdaten durch externe Partner geleakt werden, sind Organisationen mit Meldepflichten bei Datenschutzverletzungen nach DSGVO (Artikel 33) konfrontiert, zusätzlich zu Verpflichtungen nach dem Data Act (Artikel 5) sowie rechtlicher Haftung und Reputationsschäden.

Identity Governance: Der Schlüssel zur Compliance in vernetzten KI-Lieferketten

EU-Regulierer erwarten von Organisationen, dass sie volle Rückverfolgbarkeit nachweisen: Wer hat auf KI-Systeme zugegriffen, welche Aktionen wurden durchgeführt und wann fanden Änderungen statt. Identitätszentrierte Sicherheit ist daher entscheidend für die Überwachung interner und externer Interaktionen.

Privileged Access Management (PAM) stellt sicher, dass nur autorisierte Personen auf kritische KI-Komponenten zugreifen können. Statt statische API-Schlüssel oder Passwörter in Agentenkonfigurationen einzubetten, verwaltet PAM diese Geheimnisse zentral und rotiert sie nach einem Zeitplan. Da PAM im Zugriffspfad sitzt, kann es zudem Verhaltensabweichungen erkennen, wie etwa einen Agenten, der auf Ressourcen außerhalb seines normalen Musters, zu ungewöhnlichen Zeiten oder in ungewöhnlichem Umfang zugreift. Gleichzeitig bieten Echtzeit-Audit-Protokolle unveränderliche Aufzeichnungen für die interne Compliance und die Überwachung durch Dritte.

Durch die Integration von Zero-Trust-Prinzipien können Organisationen jede Interaktion – ob durch Mitarbeiter, Partner oder Cloud-Dienste – authentifizieren und autorisieren. Dadurch wird das Risiko verringert, dass unsichere Komponenten zu Einstiegspunkten für Angriffe werden.

Kein Nachweis, kein Business

Das Unvermögen, Compliance nachzuweisen, kann schwerwiegende Konsequenzen für Lösungsanbieter haben. Öffentliche Auftraggeber und regulierte Branchen (zum Beispiel Finanzdienstleistungen oder Gesundheitswesen) verlangen bereits in ihren Ausschreibungen den Nachweis von Identity Governance für KI-Systeme, Privileged Access Management für Admin-Zugriffe und automatisierte Compliance-Berichte. Die Sicherheit der KI-Lieferkette ist hier besonders entscheidend.

Anbieter von Lösungen und KI, die diese Anforderungen nicht erfüllen, werden das Business in der EU verlieren. Dies betrifft insbesondere Unternehmen, die auf externe KI-Komponenten oder Datenquellen angewiesen sind, wie etwa cloudbasierte KI-Dienste oder vortrainierte Modelle.

Unternehmen können die Sicherheit ihrer KI-Lieferkette durch verschiedene Maßnahmen stärken. Eine Lückenanalyse zeigt Diskrepanzen zwischen den aktuellen Systemen und den regulatorischen Anforderungen auf, insbesondere in der Zusammenarbeit mit externen Partnern. Die Implementierung einer umfassenden Identity Governance stellt sicher, dass alle Zugriffe auf KI-Systeme – sowohl intern als auch extern – protokolliert und überwacht werden. Die Überprüfung der Sicherheit und Compliance aller Drittanbieter, angefangen von Cloud-Diensten bis hin zu Datenanbietern, schafft Verantwortung und reduziert Risiken. Schließlich ermöglicht der Einsatz automatisierter Compliance-Tools Echtzeit-Audits und nachweisbare Sicherheit für alle Komponenten des KI-Ökosystems.

KI-Sicherheit ist eine Voraussetzung für den Zugang zum EU-Markt

Die Botschaft der EU ist klar: KI-Sicherheit ist kein Feature, sondern eine grundlegende Voraussetzung für den Marktzugang. Das gilt für die gesamte KI-Lieferkette. Unternehmen, die jetzt handeln, um Sicherheit und Compliance in ihrer KI-Lieferkette zu gewährleisten, werden nicht nur regulatorische Anforderungen erfüllen, sondern auch einen Wettbewerbsvorteil in einer regulierten Zukunft erleben.

Darren Guccione, Keeper Security
Der Autor Darren Guccione ist CEO und Mitgründer von Keeper Security.
© Keeper Security