Die Grenzen
Obgleich die Vorteile von Web-RTC überzeugen, befindet sich die Technologie noch in der Entwicklung, daher gibt es immer noch Grenzen, die für einige Zeit zu „Inseln“ der Web-RTC-Interaktion führen werden, meint John Nicol, Director Solutions-Architecture und CTO bei Polycom. Zu diesen Grenzen gehören für ihn, ...
- ...dass es bislang noch keinen Konsens zu einem verpflichtenden Video-Codec gibt und sich die Community in das „VP8-Lager“ und das H.264-Lager“ teilt. Die Interoperabilität zwischen Web-RTC-Endpunkten, die verschiedene Video-Codecs unterstützen, könne mit Hilfe von Transcoder-Gateways erreicht werden – was die Lösung allerdings zunehmend komplexer machen würde.
- ...dass sich Calls zwischen Web-RTC-Clients, die beide über dieselben Pfade im Web hereinkommen, zwar einfach und bequem tätigen lassen – eine Verbindung zu einer traditionellen Nicht-Web-RTC-Infrastruktur, wie etwa das Telefon oder mobile Systeme, jedoch die Hilfe von zwischengeschalteten Gateways erfordert.
- ...dass die Kommunikation über Web-RTC zwischen Endpunkten zwar dann funktioniert, wenn beide auf denselben Server zugreifen – es allerdings derzeit keine Möglichkeit gibt, das Klingeln des Anrufs anzuzeigen, wenn Endpunkt A eine Verbindung zu Endpunkt B aufbauen möchte, Browser B aber nicht für die Server-Webpage geöffnet ist. Somit kann keine Web-RTC-Verbindung zwischen A und B aufgebaut werden.
- ...dass die Nutzung von Web-RTC bei höherer Teilnehmerzahl problematisch wird. Dazu Nicol: „Für eine Multipoint-Web-RTC-Unterstützung nutzt man üblicherweise eine Full-Mesh-Implementierung, mit der jeder Web-RTC-Endpunkt am Ende einen direkten Austausch mit jedem anderen Web-RTC-Endpunkt hat. Das erfordert Order-N^2-Peer-Peer-Sessions für jede Konferenz. Dieser Weg ist einfach und praktisch für kleinere Gruppen von bis zu vier Teilnehmern. Über diese Grenze hinaus wird jedoch die Bandbreite und Belastung des Prozessors für jeden Endpunkt sehr groß, was unpraktisch ist.“ Vermieden werden könne dies durch das Hinzufügen von Nicht-Web-RTC-Infrastruktur, die Multipoint-Web-RTC-Anschluss-fähigkeit effektiver etablieren – was allerdings wiederum zu mehr Komplexität und höheren Kosten führe.
Daher stellt sich die Frage, in welchen Fällen klassische Systeme noch das „Maß der Dinge“ sein können. So ist Nicols Kollege bei Polycom, Stuart Monks, etwa der Meinung, dass Web-RTC momentan für Unternehmen noch nicht wirklich interessant ist, da in diesem Umfeld die Qualität der Verbindung ebenso wie die Möglichkeit, viele Datenströme parallel zu verbreiten, von großer Bedeutung sind. Auch hält er wenig von dem Web-RTC-Einsatz in Bereichen, in denen sichere Kommunikation zwischen authentifizierten Nutzern erforderlich ist. GMS-Geschäftsführer Tobias Enders empfiehlt für zentral administrierte Unternehmensumgebungen aktuell noch klassische Videokonferenz-Lösungen. Das gleiche gilt für komplex integrierte Konferenzräume, die über eine Raumsteuerung verfügen. Hier gewährleisten herkömmliche Videokonferenzsysteme eine stabile Steuerbarkeit und Programmierung.