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Ein Netz für alles (Fortsetzung)

Autor: Redaktion connect-professional • 29.3.2006 • ca. 3:35 Min

Inhalt
  1. Ein Netz für alles
  2. Ein Netz für alles (Fortsetzung)
»Statt Telemetrie-Equipment WLAN-Technik«, Prof. Dr. Björn Bergh, Di­rektor für Informations- und Me­dizintechnik am Universitätsklinikum Heidelberg. Foto: Universitätsklinik Heidelberg
»Statt Telemetrie-Equipment WLAN-Technik«, Prof. Dr. Björn Bergh, Di­rektor für Informations- und Me­dizintechnik am Universitätsklinikum Heidelberg. Foto: Universitätsklinik Heidelberg

Klinik-Netzsystem von ­Dräger und Packeteer
Hier half eine Lösung, die von Packeteer und Dräger gemeinsam mit Heidelberg konzipiert wurde. In sie sind Packet­shaper-Systeme von Packeteer integriert sind. Dieses »Infinity Onenet« erlaubt es, mehrere Betten zu einer logischen Einheit, der sogenannten Monitoring Unit, zusammenzufassen. Gleichzeitig lassen sich Betten mit derselben Patientenklasse zu Care Units integrieren. Dabei können Monitoring Units ein oder mehrere Care Units umfassen.
Jede Monitoring Unit unterstützt 32 Monitore am Krankenbett, vier Multiview-Workstations, an denen die Daten der angeschlossenen Units dargestellt werden und vier Aufzeichnungsgeräte für EKG oder Ähnliches und/oder Laserprinter. Jeder Knoten ist mit einem Layer-2-Ethernet-Switch verbunden, der mit IGMP (Internet Group Multicast Protocol) die unterschiedlichen Verkehrsströme filtert.
Geräte, die über eine WLAN-Karte ans System angeschlossen sind, werden einem bestimmten Access Point zugeordnet, der wiederum mit einem Layer-2-Switch verbunden ist. Die Daten aus dieser geswitchten Infrastruktur laufen nun, bevor sie ins allgemeine Krankenhausnetz geleitet werden, über einen Packetshaper, wo den einzelnen Verkehrsklassen (lebenswichtige Informationen, Hospitalapplikationen, unkritische Informationen) bestimmte Bandbreitenanteile zugewiesen werden. So ist sichergestellt, dass die Vitaldaten jederzeit sicher durchs Netz kommen und ihren Multiview-Knoten erreichen. Für die logische Trennung der jeweiligen Daten sorgen VLANs.
Am Krankenbett stehen ein tragbarer Überwachungsmonitor mit einer Docking-Station und zusätzlich ein PC. Ist der Patient mobil, also irgendwo im Haus unterwegs, werden die Vitaldaten über das WLAN übertragen, befindet er sich am Bett und der Monitor in der Docking Station, wird dazu das Festnetz verwendet. Die Daten laufen über ein separates VLAN zur zentralen Überwachungseinheit und gleichzeitig auf einen PC am Krankenbett. Dieser gilt als medizinisches Gerät. Das heißt, man kann dort nicht ohne Weiteres zusätzliche Software, zum Beispiel für die Darstellung von Daten, installieren.
»Wir suchten nun nach einer Möglichkeit, die Monitoring-Daten zusammen mit anderen Informationen, etwa Röntgenbildern oder Laborinformationen, auf diesem PC am Bett darzustellen«, erklärt Bergh. Er entschied sich für Terminalemulation via Citrix Metaframe, denn dadurch wurde die Installation entsprechender Anwendungen auf dem PC unnötig, obwohl man die Informationen dort anzeigen kann.
Außerdem wurde, um Sicherheit auch auf der Luftschnittstelle zu garantieren, ein SSL-Gateway von Juniper installiert. »Überzeugt haben uns hier die Plattformunabhängigkeit und die Möglichkeit, verschiedene URLs für unterschiedliche Benutzer oder Benutzergruppen einzurichten«, erklärt Bergh.
Das System hat sich so gut bewährt, dass heute statt der ehemals vorgesehenen 300 schon 1300 von insgesamt 1700 Klinikbetten damit ausgerüstet sind. Was die Kosten angeht, entstanden der Klinik dadurch keine Mehrausgaben. »Statt Telemetrie-Equipment zu kaufen, haben wir das Budget eben in WLAN-Technik investiert«, sagt Bergh.
Mittlerweile wurden die Access ­Points auch mit 802.11a-Funkschnittstellen ausgerüstet. Heute fließen die ­Vitaldaten über den 802.11b-Kanal und belegen dort 2 MBit/s. Der Rest der Bandbreite dient dem Internet-Zugang an den Patientenbetten. Die Daten des Krankenhausinformationssystems werden über 802.11a übertragen.
Die Vorteile sind einleuchtend: Am Krankenbett stehen alle nötigen Informationen sofort zur Verfügung. Patienten werden auch dann vom Monitor überwacht, wenn sie sich innerhalb des Klinikums bewegen, was früher nicht der Fall war. Und bei der mobilen Visite haben Ärzte alle Daten dabei.
Besonders wichtig ist das bei Röntgenbildern, bei denen es früher schon einmal einige Tage dauern konnte, bis eine Aufnahme dem behandelnden Arzt zur Verfügung stand.
Heute werden die Röntgenaufnahmen digital erzeugt und sofort digital in einem PACS (Picture Archiving and Communication System) der Firma GE bei den Daten des Patienten abgelegt, zusammen mit dem Befund, der elektronisch eingegeben wird. Man kann die Bilder an beliebig vielen Stellen gleichzeitig ansehen und die Befundinformationen in Arztbriefe übernehmen. »Letzteres sind Funktionen, die in das KIS (Krankenhausinformationssystem) eingebettet sind«, sagt Bergh. Das KIS des Universitätsklinikum Heidelberg ist ein Third-Party-Produkt von SAP: SAP stellt die administrativen Funktionen, zwei weitere Firmen, GSD und T-Systems Austria, steuern die medizinspezifische Anwendungen bei.

Pflege vereinfacht sich
Die Verbindung von KIS und QoS-fähigem WLAN kommt nicht nur dem medizinischen Personal zugute. Auch die Pflege vereinfacht sich dadurch. So erfolgt inzwischen die Essensbestellung im Universitätsklinikum Heidelberg zum Teil per WLAN: Die Schwestern gehen mit dem Laptop am Krankenbett vorbei und kreuzen auf einer SAP-Oberfläche das gewünschte Menü an. Die Informationen werden dann sofort in die Küche überspielt. »Wir arbeiten daran, hier eine Web-Benutzerschnittstelle einzurichten, die die Patienten selbst bedienen können«, sagt Bergh.
Für den Internet-Zugang der Patienten steht inzwischen ein separater 6-MBit/s-DSL-Anschluss zur Verfügung, während das Klinikpersonal über das breitbandige, aber auf bestimmte Nutzergruppen beschränkte Wissenschaftsnetz (WIN) mit der Außenwelt kommuniziert.
Außerdem denkt Bergh über den Einsatz von RFID nach, zum Beispiel zur Lokalisation der zahlreichen Medizingeräte, sofern die Infrastruktur das hergibt. »Das würde die Anlagenwartung sehr erleichtern, weil man Geräte bei Ablauf des Wartungsintervalls nicht mehr suchen müsste, sondern sofort zweifelsfrei lokalisieren könnte«, sagt Bergh. Eine immer wieder diskutierte Anwendung ist auch das RFID-Armband für Patienten. Dieser steht Bergh jedoch eher skeptisch gegenüber. »Hier stehen Aufwand, Nutzen und die Belange des Datenschutzes meiner Meinung nach noch nicht im richtigen Verhältnis zueinander.«