Globale Speicherkrise und kein Ende
Die Speicherkrise ist noch lange nicht zu Ende. Lieferengpässe und Preissteigerungen speziell für Arbeitsspeicher werden die Branche noch das ganze Jahr 2026 hindurch begleiten. Das hat Auswirkungen auf das anziehende PC-Geschäft. Handel und Distributoren geraten unter Druck.
Bereits seit Ende 2025 ist das globale Halbleiter-Ökosystem von massiven Engpässen betroffen. Die Distributoren hatten bereits im Herbst 2025 von Lieferproblemen bei Arbeitsspeichern berichtet, die dann auch heftige Preissteigerungen nach sich zogen. Eine Analyse des Vergleichsportals guenstiger.de zeigte einen massiven Preisanstieg von RAM-Produkten bereits seit August 2025.
Während der durchschnittliche Onlinepreis für DDR5 RAM im August 2025 noch bei 183 Euro lag, mussten Verbraucher im November bereits 331 Euro zahlen – ein Plus von 81 Prozent, so die Auswertung des Portals.
Im Channel zeichnete sich die gleiche Entwicklung ab. Anfang Dezember 2025 meldete auch ITscope eine spürbar steigende Nachfrage bei vielen DDR5-Modulen (connect professional berichtete) und explodierende Preise.
Anbieter zum Thema
„Bei Speicherbausteinen sehen wir die größte Bewegung“, erklärte Oliver Charles, CEO bei ITscope. „Die Nachfrage steigt, und das Bestellvolumen legt sogar noch deutlicher zu – ein Hinweis darauf, dass Speicherprodukte nicht nur häufiger, sondern auch zu höheren Preisen bestellt werden.“ Bei Grafikkarten und Prozessoren gebe es zwar mehr Aktivität zum Jahresende, jedoch ohne vergleichbare Preisentwicklung.
Besonders betroffen waren laut ITscope Speicherlösungen von Retail-Marken wie Crucial, Corsair, Kingston und Samsung. Bei diesen Anbietern stiegen die durchschnittlichen Einkaufspreise spürbar an – häufig in genau den Produktlinien, die im Channel am stärksten nachgefragt werden. OEM- und Server-Speicher bewegten sich dagegen in weit ruhigeren Bahnen. OEM – also Speicher, der direkt für Hersteller oder Systemintegratoren produziert werde – zeigt deutlich stabilere Preisverläufe.
„Wir sehen auf der ITscope-Plattform vor allem die Auswirkungen, nicht die Ursachen“, so Charles. „Marktberichte zeigen jedoch, dass die hohe Rechenzentrumsnachfrage nach KI-Hardware Produktionskapazitäten Richtung High-Bandwidth-Memory verschiebt. Das kann die Verfügbarkeit klassischer DDR5-Module indirekt beeinflussen. Fakt ist: Viele Speicherprodukte haben ein höheres Preisniveau erreicht – und wir erwarten kurzfristig keine Entspannung.“
Nachfrage übersteigt Angebot
Der Speichermarkt befindet sich an einem beispiellosen Wendepunkt, an dem die Nachfrage das Angebot deutlich übersteigt. Ursächlich sehen die Analysten von IDC allerdings weit mehr als nur den üblichen „Schweinezyklus“. Die rasante Expansion der KI-Infrastruktur und der Arbeitslasten setzten das Speicher-Ökosystem unter Druck. Diese KI-Arbeitslasten erfordern große Speicherkapazitäten. Die Verknappung sei deshalb auch auf die Umverteilung der Produktionskapazitäten zu margenstarken Speicherlösungen zur Unterstützung von KI zurückzuführen. Anstatt die herkömmlichen DRAM- und NAND-Speicher für Smartphones, PCs und andere Unterhaltungselektronik zu erweitern, haben die großen Speicherhersteller ihre Produktion auf Speicher für KI-Rechenzentren umgestellt, wie z. B. High Bandwidth Memory (HBM) und DDR5 mit hoher Kapazität. Dies habe das Angebot an Allzweck-Speichermodulen eingeschränkt und die Preise auf breiter Front in die Höhe getrieben.
KI-Server und Unternehmensumgebungen benötigen weitaus mehr Speicher pro System als Consumer-Geräte, sodass der Ausbau der KI einen überproportionalen Anteil der weltweiten Kapazitäten beanspruche. Das führe zu Engpässen, weil die Lieferanten Aufträge von Hyperscalern und OEMs, die KI-Server bauen, vorrangig behandeln. Deshalb sei weniger DRAM für Verbrauchergeräte verfügbar, was den Preisdruck in einem angespannten Markt noch verstärke.
Dauerhafte strategische Umverteilung
Die Analysten sehen eine potenziell dauerhafte, strategische Umverteilung der weltweiten Siliziumwafer-Kapazitäten. Jahrzehntelang sei die Produktion von DRAM- und NAND-Flash-Speichern für Smartphones und PCs der wichtigste Treiber für die Produktion gewesen. Diese Dynamik habe sich umgekehrt.
Die enorme Nachfrage nach HBM durch Hyperscaler wie Microsoft, Google, Meta und Amazon hat die drei größten Speicherhersteller Samsung Electronics, SK Hynix und Micron Technology dazu gezwungen, ihre begrenzten Reinraumkapazitäten und Investitionsausgaben auf margenstärkere Komponenten für Unternehmen umzulenken. Dies sei ein Nullsummenspiel: Jeder Wafer, der für einen HBM-Stack für eine Nvidia-GPU verwendet wird, ist ein Wafer, der dem LPDDR5X-Modul eines Mittelklasse-Smartphones oder der SSD eines Consumer-Laptops vorenthalten wird.
IDC erwartet deshalb für 2026 ein unter dem historischen Durchschnitt liegendes Wachstum des DRAM- und NAND-Angebots von 16 bzw. Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Hersteller verlagern Kapazitäten
Die Verlagerung der Fertigungskapazitäten auf Hochleistungs-Speicherchips wie DDR5 und HBM (High Bandwidth Memory) für KI-Systeme zulasten klassischer DDR4-Module führt zu enormen Preissteigerungen sogar im Gebraucht- und Refurbished-Markt, wie die Daten des britischen Refurbishment-Spezialisten Bargain Hardware zeigen.
Danach sind die Preise für DDR4-ECC-Module seit August 2025 um rund 170 Prozent gestiegen. Eine begleitende Marktanalyse des Unternehmens zeigt außerdem, dass sinkende Produktionsvolumina, wachsende Nachfrage aus der KI-Industrie und Lagerknappheit bei Distributoren zu massiven Preissprüngen geführt haben.
Ein maßgeblicher Treiber dieser Entwicklung ist laut Bargain Hardware das Super-Rechenzentrumsprojekt „Stargate“ von OpenAI. Medienberichten zufolge haben Samsung und SK Hynix vereinbart, OpenAI mit bis zu 900.000 DRAM-Wafern pro Monat zu beliefern. Das entspreche fast 40 Prozent der weltweiten DRAM-Gesamtproduktion.
Um dieser wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, verlagern die drei großen Speicherhersteller Samsung, SK Hynix und Micron ihre Fertigungskapazitäten, um sich auf die Produktion von HBM3E und demnächst auch HBM4 zu konzentrieren. Diese Art von Speicher mit extrem hoher Bandbreite treibt KI-Beschleuniger der nächsten Generation wie die Blackwell-GPUs von Nvidia an. Infolgedessen steht weniger Kapazität für die Herstellung von Standard-DDR4- und DDR5-Speichern zur Verfügung.
„Die Produktion hat sich klar in Richtung KI-optimierter Chips verschoben. Während Konzerne wie OpenAI, Nvidia oder Amazon enorme Mengen an HBM- und DDR5-Speicher binden, bleibt für klassische DDR4-Module immer weniger Wafer-Kapazität übrig,“ erklärt Ben Craig, Managing Director von Bargain Hardware. „Das führt zu spekulativen Käufen und Engpässen in Europa.“
Steigende Gerätepreise und sinkende Margen
Die Verknappung des Speicherangebots birgt erhebliche Risiken für die IT-Hardware-Wertschöpfungskette. Zu diesem Schluss kommt auch eine aktuelle Analyse des Kreditversicherers Coface. Die Kombination aus erhöhten Inputkosten, unsicherer Geräteversorgung sowie einem hart umkämpften Markt wird sich auf Gerätehersteller, Originalgerätehersteller (OEMs) und IT-Distribution auswirken.
Hersteller wie Apple, Samsung, Lenovo, Dell, HP werden gezwungen, ihre Gerätepreise zu erhöhen. Wegen der hohen Preiselastizität der Verbraucher und des harten Wettbewerbs werden die OEMs zudem versuchen, einen Teil der Kosten auf die Auftragsfertiger, wie Foxconn, Pegatron, Quanta oder Compal, sowie auf die IT-Distributoren abzuwälzen. „Wir glauben, dass IT-Distributoren am stärksten von einer Verschlechterung ihrer Rentabilität bedroht sind, da Wareneinkäufe 90 Prozent ihrer Einnahmen ausmachen, sie aber auch die niedrigsten EBITDA-Margen in der Wertschöpfungskette sowie die höchste Verschuldung aufweisen“, so die Coface-Analysten.
Micron reagiert – und stellt Consumer-Brand ein
Bei Micron hat diese Verlagerung noch zu einer weitreichenderen Maßnahme geführt: Der US-Speicherspezialist stellt das Consumer-Geschäft mit RAM-Produkten und SSDs seiner Marke Crucial ein. (connect professional berichtete). Nur noch bis Februar 2026 sollen Crucial-Produkte über Einzelhändler, Online-Shops und Distributoren verkauft werden. Danach wird die Marke nach fast drei Jahrzehnten vom Markt verschwinden.
Micron wird sein Geschäft auf langfristige, profitable Wachstumssektoren mit Speichern und Speichersysteme für Großkunden und KI-Rechenzentren ausrichten.
Als Grund für die Entscheidung nannte Micron das KI-getriebene Wachstum bei Rechenzentren, das zu einem sprunghaften Anstieg der Nachfrage nach Speicher und Speicherplatz geführt habe. „Micron hat die schwierige Entscheidung getroffen, sich aus dem Crucial-Verbrauchergeschäft zurückzuziehen, um die Versorgung und den Support für unsere größeren, strategischen Kunden in schneller wachsenden Segmenten zu verbessern“, erklärte Sumit Sadana, EVP und Chief Business Officer bei Micron Technology.
Das Aus für die beliebte Consumer-Marke Crucial und der Fokus auf KI und High-Performance-Computing (HPC), dem vielleicht noch weitere Hersteller folgen könnten, hat weitreichende Auswirkungen für Crucial-Partner und -Distributoren wie DexxIT. DexxIT-Vertriebsleiterin Judith Öchsner sieht im Interview mit connect professional für den Speichermarkt so schnell keine Entspannung in Sicht.